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Volltext: Monatszeitschrift XXII (1919 / Heft 3, 4 und 5)

Zeitgeschmack verschmolzene Fertigkeit eine allgemeine geworden war, 
konnten unzählige Zwischenstufen die Voraussetzungen dazu gewähren 
(vgl. die Cherubsköpfe und Putten von Mazza, Torreti, Giuliani usw.). 
Wie dem nun auch sein mag, Brustolons Stil verleugnet, sobald seine 
Werke die kunstgewerblichen Elemente abstreifen und als Arbeiten der 
großen Skulptur gewertet werden können, keineswegs offenkundige Ab- 
hängigkeit von Berninis Werken, deren im breitesten Strom ausilutende 
Beeinflussungsideen auch ihn erfaßten. Der Nachweis wird nicht schwer 
fallen; es genügt, die nahe Verwandtschaft (besonders in der Gewand- 
behandlung) aufzuzeigen, die die Engelgestalt in Santo Stefano mit Figuren 
Berninis und seiner Nachfolger verbindetf wer aber diese Beziehungen 
übertrug und verdolmetschte, ob Parodi oder eine andere Mittelsperson, dies 
festzustellen, muß der zukünftigen Forschung überlassen werden. Die römi- 
schen (Berninesken) Anregungen werden Brustolon soweit berührt haben, 
als ihnen die Veredlung seines Stiles zu verdanken ist; aber schon das Fest- 
halten an dem der Alpenkunst gewohnten Materiale, das der Künstler neben 
Gips und Ton allein verwandte, ist Zeugnis für die fürderhin bestehende 
Geltung des ehemaligen Hausbetriebes der Familie. 
Der Urstoff nämlich, dem die Arbeiten Brustolons ihr Leben verdanken, 
ist eine nur in Grenzgebieten entwicklungsfähige Kunst, wo die Gegensätze 
der aneinanderstoßenden Länder unmittelbar zusammenprallen. Im Trentino, 
im Friaul, in den tiefeingeschnittenen Tälern, die von beiden Seiten der 
Alpenketten gegen die Wasserscheiden emporsteigen, lebt eine eigentümliche, 
halb erstarrte künstlerische Tätigkeit, die die Einrichtungsgegenstände ihrer 
schlichten Gotteshäuser mit übertriebenem Aufwande zu schmücken und in 
grelle Farben zu kleiden Gefallen iindetf" Dem Charakter und den Sitten 
dieser Bewohner, dem herben Typus des patriarchalisch-verschlossenen und 
mißtrauischen Alpenbauers (montagnaro) entsprechend, werden altererbte 
Formen immer aufs neue wiederholt und vervielfältigt. Aus diesen vom 
Norden und Süden kümmerlich einsickernden Einflüssen resultiert eine 
Formenwelt, die das Merkzeichen einer Bastardkunst, der unreinen Bluts- 
mischung offensichtlich zur Schau trägt. Mit den Regeln der Ponderation 
der einzelnen Glieder, mit den Gesetzen der Tektonik, den Vorschriften der 
Proportionen, der Schmuckverteilung und der Farbengebung nicht selten ein 
ähnlich willkürliches Spiel treibend, wie die Völkerwanderungskunst sich 
einst zu den antiken Vorbildern gestellt hatte, entbehren ihre so bedingten 
Erzeugnisse doch nicht eines großen Reizes. Das Individuelle der Volkskunst, 
die für verschiedene Einzelheiten aus sich selbst, ohne fremde Beihilfe, zu 
schöpfen angewiesen ist, ihr Geschmack und der primitive Farbensinn er- 
zielen oft die eigentümlichsten, keineswegs gering zu schätzenden Erfolge. 
Aus diesen Voraussetzungen erwuchs die Zwitterstellung Brustolons, 
die er als kunstgewerblicher Arbeiter und als Schöpfer großer Statuen und 
"i Vgl. etwa die (von der Engelsburgbrilcke stammenden) Engelüguren in San Andrea della Franz. 
i" Vgl. Au, „Kunstgeschichte von Tirol", Innsbruck, 190g, Seite 906.
	        

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