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Volltext: Monatszeitschrift XXII (1919 / Heft 3, 4 und 5)

Reliefs einnimmt. Die Eindrücke, die den Künstler in Rom und Venedig 
überkommen, aber überwältigen nur in geringem Ausmaße die retardieren- 
den, von dem Alpengebiet ausströmenden (ihm angeborenen) Kunstver- 
stellungen; diese repräsentieren den Grundstock jener Antriebe, denen der 
Meister durch sein ganzes Leben hindurch ohne Unterbrechung zu folgen 
gezwungen war. Ist ja Brustolons Heimat selbst das gefälligste Konglomerat 
sich kreuzender Kunstrichtungen, die von Tirol und der venezianischen 
Tiefebene eindringen und ineinandergreifend ein reizvolles, von Lauben, 
Brunnen und malerischen Straßenzügen erfülltes Stadtbild zeitigten. 
Fast gleichzeitig mit dem Wirken Brustolons fällt die Tätigkeit Giacomo 
Serpottas (1655 bis 1732), des berühmten Stuckateurs aus Palermo. Der reifere 
und modernere Stil seiner Arbeiten klärt uns in besonders einleuchtender 
Weise über das noch unangetastete Vorwiegen altertümlicher Elemente auf, 
in deren Banne Andrea noch befangen war.'Von Serpotta sind uns jüngst 
gleichfalls zwei reizende Zeichnungen (aus dem Jahre 1717) bekanntgemacht 
worden, die ich der Aufmerksamkeit des Lesers als ungemein aufschluß- 
reiche Parallelen zu unserem Skizzenbuche besonders empfehlen möchtef" 
So wirkt Brustolon am Ausgange einer Entwicklung, die während 
seines Lebensabendes einer neuen Phase weichen mußte, deren Reich zu 
betreten ihm verwehrt blieb. Die Hindernisse, die diesem Schritte im Wege 
standen, aber waren nicht äußerliche; sie lagen zum guten Teile in ihm 
selbst, in Hemmungen einer alten, fest verankerten Tradition, welche die 
nötige Kraft, um sich von ihr zu befreien, nicht aufkommen ließ. 
Die übrigen Künstler, die Belluno in dieser Epoche hervorbrachte, 
Sebastiano und Marco Ricci, Gasparo Diziani . . . haben frühzeitig die 
Heimatstadt verlassen und waren zu internationaler Größe emporgestiegen. 
Die beiden Ricci bereisten fast alle wesentlichen Länder des Kontinents und 
waren längere Zeit in England beschäftigt gewesen, während Diziani die 
Formen venezianischer Malerei und Theaterdekoration bis nach Rußland 
trug. Brustolon scheint dagegen den Gesichtskreis, den ihm Belluno bot, 
nicht als beengend angesehen zu haben; einen großen Teil seines Lebens 
hat er in seiner Vaterstadt verbracht, für sie und ihr Gebiet zahlreiche 
Arbeiten verfertigend. 
Für Belluno bildet demnach das Wirken Brustolons den größten Stolz, 
dessen sich die Stadt rühmen kann. Zu jeder Zeit, damals, als er noch tätig 
war, und heute, da man seine Werke verherrlicht, wird sein Name mit An- 
erkennung und Ehrfurcht ausgesprochen. Die Belluneser Behörden, die den 
Tod des trefflichen Meisters dokumentarisch feststellen mußten, haben diese 
Kundmachung in vornehmster Weise veröffentlicht; sie meldeten: „obitus 
Domini Andreae Brustoloni, civis celeberrimi, sculptoris egregii, patriae 
decus et honor." 
" Serpona hat diese Zeichnungen an eine Mauer hinter dem Altar von SanAgostino zu Palermo gezeichnet; 
Giuseppe Rao, „Disegni dello Serpotta a Palermo", „Bolletino d'une" 19x7, Seite 9x.
	        

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