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Volltext: Monatszeitschrift XXII (1919 / Heft 3, 4 und 5)

deutlich und eindringlich erwiesen worden, daß es heute keinen Neutralen 
und keinen halbwegs Besonnenen und rechtlich Denkenden unter unseren 
bisherigen Feinden geben kann (denn für die Verbreitung unserer Notschreie 
wurde gesorgt), der nicht überzeugt worden wäre, daß die Italiener im 
Februar an uns schweres, auch ihnen bewußtes Unrecht begangen haben. 
Und jetzt? Wie soll man das nennen, was noch mehr als Unrecht ist? Ein 
aller Verhüllung entkleidetes, durch nichts beschönigtes, schreiendes, nacktes 
Unrecht, das uns von den Italienern angedroht wird, nicht nur um sich auf 
Kosten eines vom Glück verlassenen heldenmütigen Gegners zu bereichern, 
sondern seiner auch zu spotten und ihm die hemmungslose, aller edleren 
Empfindungen bare Herrschsucht des sogenannten Siegers recht grausam 
fühlen zu lassen. 
Befand sich in der ersten Serie eine Anzahl von Werken, die, für die 
Geschlossenheit unseres Kunstbesitzes von großer Bedeutung, doch nicht 
jedem Wiener unmittelbar gegenwärtig waren, so handelt es sich jetzt durch- 
aus um Werke, die zum geistigen Eigentum all der ungezählten Tausende 
gehören, welche auf Schönheitssinn, Bildung, Kultur und ein über alle natio- 
nale Schranken hinausreichendes Gefühl für Geistesgröße und Menschen- 
würde Anspruch erheben. Es sind fast ausschließlich stark volkstümliche 
Kunstwerke, deren Verlust in den breitesten Schichten der Bevölke- 
rung aufs tiefste empfunden werden würde, Werke, die wirklich den Weg 
zum Herzen und Verstand des Volkes gefunden haben, nicht nur solche 
sublime Stücke, welche die Museumsleute, Forscher, einzelne Künstler und 
Feinschmecker allein zu schätzen verstehen. Mit einem Worte: mit aus- 
gesuchtem Rafiinement soll uns genommen werden, was uns besonders weh 
täte, uns nehmen lassen zu müssen, Besitzstände, die, mit dem persönlichen 
Charakter und Geistesleben unserer Stadt aufs engste verbunden, den Ruf, 
die Anmut undWürde Wiens in aller Welt begründet und gefestigt haben. 
Daher wird diesmal nicht alles so verlaufen wie das erstemal, alle Kreise 
und Schichten der Bevölkerung werden ihrem gerechten Zorn, ihrer flam- 
menden Empörung lauten Ausdruck geben, der überall Verständnis und 
Widerhall finden wird, wo Sinn für Ehre, Recht und Gerechtigkeit lebendig 
ist, trotz all der Begriffsverwirrung und Sittenverwilderung, welche der Krieg 
angerichtet hat. Unseren italienischen Fachgenossen aber, den Museums- 
leitem und Galeriedirektoren, welche auch zu dieser unerhörten Tat Wissen 
und Hand geliehen haben, muß, wie es erst kürzlich von hervorragend 
zuständiger Seite geschehen ist," neuerlich gesagt werden, daß sie auf 
schlechtem Wege sind. Sie mögen sich feiern lassen als die präsumtiven 
Mehrer des italienischen Reiches, Freude werden sie daran nicht erleben; 
denn die Besseren unter ihnen, die wissen und nicht leugnen können, was 
Italiens Kunst und Ruhm der deutschen Wissenschaft und Begeisterung ver- 
dankt, werden sich dieser Tat schämen, früher oder später, und die Zeit wird 
4' „Die Entführung von Wiener Kunstwerken nach Italien." Von Hans Tietze. Mit einem offenen Brief an 
die italienischen Fachgenossen von Max Dvoidk. Wien, A. Schroll ä Co., rgrg.
	        

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