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Volltext: Monatszeitschrift XXII (1919 / Heft 3, 4 und 5)

volle auszuwählen strebte; der das für ihn Erreichbare festhielt. Daß er ganz kecke 
Notizen, ganz fragmentarische und doch bezeichnende Einzelheiten nicht vermied, "das 
läßt erkennen, daß ihm das richtige Verständnis für den intimen Reiz der künstlerischen 
Handschrift eigen war und nicht jene oberflächliche Liebe für fertige und durchgebildete 
Blätter, die zum Verständnis nicht das feinere Empfinden benötigen, nicht die Reife des 
Geschmackes fordern. 
KLEINE NACHRICHTEN 50' 
OTISCPE FQRMMQDEL." „Eine vergessene Gattung der deutschen Klein- 
plastik" lautet der Untertitel der vorliegenden Publikation. Und in der Tat haben die 
unscheinbaren Model und Ausgüsse in den Sammlungen der Museen und Privaten bisher 
ein wenig beachtetes Dasein geführt. Vor allem fehlte das Bewußtsein, daß uns in ihnen 
kunstgewerbliche Arbeiten erhalten sind, die für die Kunst- und Kulturgeschichte in 
gleichem Maße reichhaltige Aufschlüsse gewähren. Die Erkenntnis dieser Tatsache bedeutet 
für die Herausgeber vielleicht ein noch größeres Verdienst als die Zusammenstellung der 
verstreuten Modelformen in einem handlichen schmalen Bändchen, das von allen wichtigen 
Stücken Nachbildungen enthält, die trotz der gegenwärtigen Verhältnisse als wohlgelungen 
gelten können. 
Einer Einschränkung bedarf jedoch der "Titel der Publikation, denn nur die inter- 
essanteste und reichste Gruppe der gotischen Model, die zwischen 1420 und 1460 am 
Mittelrhein entstanden und deren Ausläufer bis ins XVI. Jahrhundert hineinreichen, ist 
behandelt, während die vorzugsweise in Holz geschnittenen süddeutschen Arbeiten, die 
gleichfalls eine charakteristische Gruppe bilden, nicht berücksichtigt sind. 
Aber gerade die Beschränkung auf die Gegend des Mittelrheins lehrt, wie reiche 
künstlerische Kräfte im späten Mittelalter auf einem so eng begrenzten Gebiete tätig waren. 
In dem begleitenden Texte wird die Fülle der Sujets, die Szenen aus dem Neuen 
Testament und dern Leben der Heiligen, allegorische Darstellungen sowie mit sichtlicher 
Vorliebe und besonders frischer Auffassung profane Vorwürfe wiedergeben, eingehend 
gewürdigt. Zugleich werden die Zusammenhänge mit den niederländisch-burgundischen 
Werken der Kleinkunst sowie die Beziehungen, die die Model mit anderen gleichzeitigen 
deutschen Kunstwerken verbinden, klargelegt. Bode vermutet, daß die Verfertiger der 
Modelformen Goldschmiede waren. Von besonderem Interesse ist jedoch der Hinweis auf 
Übereinstimmungen in der Komposition mit Stichen des Meisters der Spielkarten und des 
Meisters E. S. Die Verfasser äußern sich über die Frage der Priorität der betreffenden 
Darstellungen nur sehr vorsichtig und nur die Anteilnahme, die sie den von ihnen 
bearbeiteten kunstgewerblichen Arbeiten entgegenbringen, läßt sie unbewußt für diese 
Seite Partei ergreifen. Ein abschließendes Urteil hier zu fällen, wäre zurzeit verfrüht, auch 
muß mit einer dritten Möglichkeit gerechnet werden, die die größere Wahrscheinlich- 
keit für sich haben dürfte, nämlich, daß Modelschneidern und Kupferstechem - in denen 
Bode gleichfalls Goldschmiede sehen möchte - die Kompositionen aus einer gemeinsamen 
Quelle zuflossen. Daß der Meister E. S. kein so origineller Künstler war, wie Lehrs annahm, 
aber der künstlerischen Gepflogenheit im späten Mittelalter durchaus widerspricht, hat ja 
der Nachweis seines Alphabets in einer früher entstandenen Miniaturhandschrift ergeben. 
Die Fragen, zu denen die vorliegende Publikation anregt, gehen also weit über ihr 
eigenstes Gebiet hinaus und die weitere Verfolgung dieser Materie läßt für die Erkenntnis 
der Kunstverhältnisse des späten Mittelalters noch interessante Aufschlüsse erwarten. 
Hoffentlich werden die Herausgeber ihr Werk bald auf alle deutschen Model ausdehnen 
"' W. von Bode und W. F. Volbach: „Gotische Formmodel". 46 Seiten mit B Tafeln und 30 Text- 
ahbildungen. Sonderabdruck aus dem „Jahrbuch der Preußischen Staatssammlungen", 1918, Heft III, Berlin, 
G. Grete. 1918.
	        

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