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Volltext: Monatszeitschrift XXII (1919 / Heft 3, 4 und 5)

Im Seitenflügel des Kronprinzlichen Palais ward dem Künstler ein 
eigenes Zimmer eingeräumt. Ausgemacht war: die Prinzessin Louis sollte 
zuerst zu ihrer Büste sitzen. Nach Empfang von Hofstaat, den Fremden 
der Correspondenz und der Toilette war das Mögliche getan, um gegen 
rz Uhr fertig zu sein. Mit den beiden hohen Damen kam auch der Kron- 
prinz. Man baut sich auf: eine Büste in Thon, Naturgröße und so, daß dem 
ersten Entwürfe nach ein Ideal- 
Kopf gebildet werden könne. 
Die Proiilierung meines Origi- 
nals hatte aber nicht die Stirn 
und Nase in einer fortschrei- 
tenden Linie, und nach dem 
ersten Visieren nahm ich mit 
einem Zuge, durch Wegnahme 
eines Stücks Thon, die Pro- 
Hlierung der Natur _ ein Ma- 
növer, welches die hohen Herr- 
schaften nicht wieder vergaßen 
und mir nachmals vormachten 
- auch die Prinzessin er- 
wähnte, wie sie daraus die Ab- 
weichung ihres Profils vom 
Ideale wahrgenommen habe. 
Der Beifall, den diese Büste 
erhielt, dauerte fort, und zur 
Zeit des dritten Gemahls, wo 
Ausgüsse davon bestellt wur- 
den, nannte die Fürstin solche: 
feu mon Visage. 
Die Büste derKr0nprinzes- 
sin wurde in der Ober-Etage 
modellirt, weil die hohen Herr- 
 
Abb. 20. Staatsminister Freiherr von Heinitz, Modell rgzo, von 
c. F. Riese nach J. o. Schadow, Berlin, um (Schloß Mcm- schaften gerade derselben Stun- 
büm" 38m") de bedurften, um die Fremden 
zu empfangen, weshalb auch wohl der Kronprinz immer zugegen war. 
Obwohl ich mir vorgenommen hatte, den Gedanken auf meine Arbeit zu 
richten, auch vom Gespräch der Herrschaften nichts beizubringen wüßte, 
bleibt mir doch in Erinnerung, wie der Kronprinz, nachdem die Herrschaften 
entlassen waren, und in deren Gegenwart Se. Königliche Hoheit eine 
feste Haltung behielt 4 nun von Manchen die Geberden und übertriebene 
Freundlichkeit nachmachte, so wie deren poetische Phrasen wiederholte. 
Aus einem Stückchen Thon modellirte Er ein Köpfchen mit Stutz-Perruque, 
und habe ich zu bedauern, es nicht sorgfältig aufbewahrt zu haben, indem 
es wohl eine Anlage zeigte, die der Herr aus angeborenem Mißtrauen von
	        

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