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Volltext: Monatszeitschrift XXII (1919 / Heft 1 und 2)

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diskreten Verschleifung tektonischer Linien. So dient. zum Beispiel das 
reichgedrehte Sitzmotiv der beherrschenden Figur der Providentia am 
Brunnen am Neuen Markt sehr glücklich dazu, die Windung des Sitzes 
in seiner tektonischen Aufgabe zu verstärken, „so daß die Schwierigkeit, 
einem von allen Seiten freien Monument eine allseitige Wirkungsmöglich- 
keit zu wahren, meisterhaft gelöst ist"." Diese für seine Zeit absolut neuen 
statuarischen Gedanken finden wir nun in der Passauer Domkanzel erst- 
malig von dem 28jährigen Meister 
in einer großen Komposition ver- 
wirklicht. Die weibliche Figur zur 
Linken der Kanzelrückwand (Abb. 
3 und m) ist weder als Karyatide 
noch sonstwie technisch an die 
Kanzelarchitektur gebunden, sie 
übt zweifellos auch als Einzeliigur, 
losgelöst vom Gesamtwerk, aus- 
gezeichnete künstlerische Wir- 
kung. Und doch ist die Figur nur 
in ihrem Verhältnis zum Gesamt- 
werk voll zu werten. Wir haben 
bereits (Seite 45 f.) das der Figur 
zugrundeliegende Konstruktions- 
schema bloßgelegt, welches im 
wesentlichen aus dem flankieren- 
den Rechteck und den von oben 
rechts (vom Beschauer orientiert) 
nach unten links parallel laufenden 
Diagonalen gebildet wird (Abb. 3). 
Jene stärkste Diagonale, welche 
durch den vom linken Fuß gegen 
den rechten Oberschenkel laufen- 
denFaltenzug, durch Oberschenkel, 
Kelch und ausbauchendes Gefäß 
in ihrer Richtung bestimmt wird, greift bis zum Schalldeckelrand aus und 
leitet so gleichsam alle von der Kanzel- und Stiegenbrüstung herlaufenden 
Linien in das Liniensystem der Aufsatzgruppe über (Abb. 10). Die oben 
besprochenen Gegendiagonalen halten die Figur im Gleichgewicht und 
geben ihr statuarische Festigkeit. Das am äußersten Kanzelrand sitzende 
Englein fungiert bei der Überleitung der Linien als Umschalter des 
Richtungsverlaufes der Umrißlinien, indem es mit der Richtung seines 
flammenden Schwertes die aufsteigende Linie aufnimmt und mit der durch 
Fuß- und Arrnhaltung fixierten stärkeren Gegendiagonale die Linie in das 
Dreieck der Aufsatzgruppe überleitet (Abb. 10 a und b). 
" Vgl. H. Tietze, „Wien", Berühmte Kunststätten, Band 67, Seite x94. 
 
Abb. g. Passau, Domkanzel, Crucii-ixus des Brüstungs- 
engelchens
	        

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