MAK

Volltext: Monatszeitschrift XXIII (1920 / Heft 4, 5 und 6)

Im Gefolge der Weltausstellung kam ihm ein anderer großer Auftrag: 
die Skulpturen für den Pennsylvania-Bahnhof in Philadelphia. Wenn man 
ihn nur nach dem Zollstab bemißt, aufzählt, daß es sich dabei um einen 
großen Terrakottagiebel von 50 Fuß Länge, einen Fries in einem Wartesaal 
von 30 Fuß Länge, zwei überlebensgroße Figuren als Uhrträger, zwei kleinere 
Giebel und zehn weitere Reliefs mit historischen Darstellungen handelte, 
wenn man dazu bemerkt, daß über alles ein Gewimmel von Figuren ausge- 
schüttet wurde, soviel nur aus dem Füllhorn ging, und ungefähr zwei Arbeits- 
jahre rechnet - und andere Arbeiten liefen mit -, so ist das künstlerische 
Resultat damit auch ausgerechnet: das objektive Resultat; für ihn persönlich 
blieb es eine erstaunliche Leistung und, so sehr sie überhetzt war, trotz allem 
auch eine ehrliche Leistung. 
Nun mochte aber der Renner tüchtig erschöpft sein und gern in eine 
gemäßigte Gangart fallen. Mit Chicago und der Pennsylvania-Station war 
der jugendliche Sturm und Drang überwunden, und bei seinen nächsten 
Arbeiten hat man das Gefühl, als löste sich aus einem Wirrwarr lauter 
Stimmen ein zarter, reiner Ton, sie überwindend,dann mächtiger anschwellend 
und schließlich allein und siegreich herrschend. _ 
Innerliche Wandlungen pflegen auch in veränderter äußerer Lebens- 
haltung ihren Ausdruck zu finden. Bitter hatte bisher seine Werkstatt mitten 
im lärmenden Getriebe auf der Ostseite der Stadt aufgeschlagen; nun zog er 
sich von da zurück und baute auf den steil sich erhebenden Uferfelsen, den 
New-Jersey-Cliffs des Hudson River, sein eigenes Wohnhaus und Atelier, nicht 
so sehr fern vom Getriebe als über ihm, mit dem Blick über das ganze, große 
riesenhafte New-York und den mächtigen Fluß, dessen schimmernde Straße 
man bis zu seiner Mündung übersah. Auch sein geselliger Verkehr, der ein 
sehr ausgebreiteter gewesen war, schränkte sich auf einen kleinen Kreis 
guter Freunde ein; das Haus selbst teilte er mit einem Freunde, der ihm 
besonders nahestand, einem Amerikaner vom besten Kemholz, wie man sie 
in den guten alten Familien des Landes findet. Durch ihn gewann er ein 
vertieftes Verständnis für amerikanisches Wesen, das er nun über die Tages- 
meinung hinweg, die meist so falsch über Volk und Land unterrichtet, aus 
seiner Geschichte und den Lehren der Gründer des Staatswesens zu erfassen 
suchte. Die amerikanische Staatsbürgerschaft hatte er bereits erworben. 
Unter einer Reihe von dekorativen Arbeiten für Privatleute, die nun 
folgten - als „decorative sculptor" galt er vor allem -, ragen hervor und 
zeigen eine neue Note die für G. W. Vanderbilts Haus in New-York und 
seinen Besitz in Biltmore, North Carolina, geschaffenen; sie sind strenger 
und edler in Form und Auffassung. Die Jugend schwelgt gern in Massen, die 
Reife geht auf Gehalt. Mehr als die großen Reliefdarstellungen, zumeist in 
Eichen geschnitzt, und die Einzelfiguren, unter denen eine Jeanne d'Arc und 
ein St. Louis hervorzuheben sind, fesselte ihn das kleinste Objekt, das er mit 
besonderer Liebe behandelte: ein Paar Kaminvorsätze aus poliertem Stahl 
für das Haus in Biltmore, die in den Gestalten einer Venus und eines Vulkan
	        

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