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Volltext: Monatszeitschrift XXIII (1920 / Heft 4, 5 und 6)

den Stein als solchen sprechen zu lassen und mit ihm die Arbeitsweise. Der 
erste liegt in umfangreichen Skulpturen für das Wisconsin State Capitol 
in Madison vor, von denen besonders die Giebelgruppen in Granit mit ihrer 
großen Gliederung und einfachen Formbehandlung hervorzuheben sind. Der 
Weg ist weiterbeschritten in den noch strenger gehaltenen Granitgruppen 
für die Nationalbank in Cleveland und später in den Reliefs für das Schurz- 
Denkmal in New-York. Er suchte einen möglichst systematischen Aufbau 
seiner Arbeit, die in Worten, Maßen und Zahlen vorgeschrieben werden 
konnte, sozusagen die Arbeitsweise der Architektur in die Skulptur ein- 
zuführen, um sie auch von dieser Seite mit deren Geist zu durchdringen. 
In jedem Bildhauer steckt naturgemäß viel vom gesunden Handwerk. 
Bitter war ganz besonders dafür begabt und hatte seine Freude daran. Er 
konnte ganze Sommermonate zimmern und bauen; in den Urwäldern der 
Adirondacks, an einem der vielen Seen dort, dem Raquette Lake, hatte er 
etwas Grund erworben und damit Gelegenheit, dieser Neigung nachzugehen. 
Ein ganzes „Camp", bestehend aus Wohnhaus, Atelier, Küche, Bootshaus 
und kleineren Hütten für immer willkommene Gäste - mancher, von seinem 
Eifer mitgerissen, half gern mit -, ist im Laufe einiger Jahre von ihm fast 
ganz mit eigenen Händen erbaut worden. Bitter fand für alles Zeit. Sein 
Tagwerk begann häufig um fünf Uhr früh, um spät in der Nacht zu enden, 
und hatte keine leere Minute. Am allerwenigsten versäumte er den zarten 
poetischen Teil des Lebens, und keiner seiner Freunde - geschweige die 
Familie - hatte sich zu beklagen, daß er an ihrem Besten vorüberginge. 
Seine Briefe allein, lebendig in jeder Zeile, würden Bände füllen. 
Sein Überlegen war reiflich, aber rasch, eine große Sicherheit des Emp- 
lindens konnte ihm alles Klügeln ersparen, es traf immer die Sache. Jeder 
neue Auftrag war ihm wie ein eben erworbener Freund, an dem er alles 
Schöne sah. Welcher zarte Gedanke liegt - um nur ein Beispiel zu nennen - 
dem Herron Memorial Tablet zugrunde. Herren, ein im Leben unbeachteter 
Bürger von Indianapolis, hatte in seinem Testament ein unvermutet großes 
Vermögen der Stadt zur Schaffung eines Kunstinstituts in ergreifenden 
Widmungswoxten vermacht. Diese Größe in der Verborgenheit packte Bitter 
und es gelang ihm, sie in einer Erinnerungstafel, die in der Eingangshalle 
des erbauten Instituts angebracht wurde, darzustellen. Eine Gestalt unter 
Zweigen eines Baumes gelagert, sich leicht verhüllend, sieht in ruhevoller 
Teilnahme, wie bereits wissend, was sie gewahrt, die Hand nur in gehaltener 
Freude erhoben, Scharen die Stufen eines Säulenbaues hinanschreiten, ver- 
borgen und doch in ihrem Adel enthüllt; man möchte das Wort ablesen: „Ich 
habe meinen Teil getan." In den Sternen des Rahmens und den Säulenstreifen 
des Grundes klingt leise die Nationalhymne als Dankeshuldigung. Die Gegen- 
platte, welche die Namen der Förderer des Instituts aufzunehmen bestimmt 
ist, schlägt kräftigere Töne an, spricht von Aufstieg zu kühnem Flug, von 
Stützen und Festhalten. Alles sinnvoll bis ins kleinste und dabei schlicht, jedes 
Virtuosentum vermeidend. Die Modellierung ist nicht weitergeführt, als es
	        

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