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Volltext: Monatszeitschrift XXIII (1920 / Heft 4, 5 und 6)

durch seine Arbeiten heimisch wurde, hatten sich gewöhnt, in allen größeren 
Kunstfragen seinen Rat einzuholen, und ihr Ruf an ihn war nie vergeblich. 
Andere Städte folgten ihrem Beispiel und die Staaten wurden ihm bald wie 
ein Garten vor seinem Hause, so häufig und ausgedehnt waren seine Reisen, 
denn die Fragen erheischten zumeist seine persönliche Gegenwart. Um 
ihnen gerecht zu werden, begann Bitter Studien über Städtebau und 1914 
wollte er sich auf eine längere Studienreise durch die alten europäischen 
Städte begeben - daß wir heute beim Abc des künstlerischen Städtebaues 
stünden, war ihm wohl bewußt _, als der Krieg ausbrach und seinen 
schönen Plan störte. 
Große Dinge können nur aus einer großen Gesinnung kommen; ohne 
diese sind sie leblos und - klein: so spricht es aus einem Vortrage, den 
Bitter im Februar 1914 in der Architectural League of New-York gehalten 
hat unter dem Titel: „Beobachtungen über den Vorgang beim Schaffen 
monumentaler Skulptur in alter und neuer Zeit." Er leitet darin das Har- 
monische der alten künstlerischen Kulturen aus zwei Quellen ab: der engen 
Verbindung der Künste untereinander und ihrer logischen Entwicklung durch 
die Generationen. Der ganze Kulturbau soll gleichsam im Grundriß und im 
Aufriß, der durch die Zeiten geht, zusammenstimmen oder, um ein Bild aus 
der Musik zu gebrauchen, das Lied der Kunst soll eine gute Harmonie und 
melodischen Fluß haben. Immer tritt das Bestreben nach Verständigung 
und Einheit hervor, und auch die Zeit, die Geschichte wird hier als Einheit 
behandelt. Wie die Sprache in feststehenden Worten, in deren Betonung 
und Verbindung dann alles Denken und Dichten sich vollzieht, soll die 
große Kunst in festen Typen, als Trägern der Verständigung, gestaltet sein, 
die innigst erfaßt und treu weitergegeben werden. Die tiefsten Eindrücke sind 
ja die unvergeßlichen, und nicht ohne Sinn war den Alten die Erinnerung 
die Mutter der Musen. Damit wird dem „Absolutismus der freien Phantasie" 
als liebeleerer Ausschweifung der Prozeß gemacht. Für Amerika erhoffte 
Bitter eine Rückkehr zu den gesünderen alten Zuständen zum Teil aus den 
ungeheuren Bauaufgaben, welche die Kunst in ihren Bann ziehen und 
damit auf realen Boden stellen sollten. Es war ihm nicht vergönnt, was er 
selbst bereits dafür getan, weiterzuführen; gewaltigere Ereignisse werden 
seine zarte Ptlanzung vielleicht ganz zerstören. 
Das letzte Lebensjahr brachte Bitter einen letzten idealen Aufschwung 
als Ausklang. Eine fröhlich frühlingshafte Fontäne für einen Kinderspielplatz 
in Indianapolis mit einem Reigen jugendlicher Gestalten blieb Skizze und 
wird von anderer Hand ausgeführt. Eine lieblich strenge Figur für einen 
Brunnen auf der Plaza, einem der schönsten Plätze New-Yorks, für deren 
künstlerische Ausgestaltung er von jeher eingetreten war, wurde im Modell 
an seinem letzten Werktage fertig. Das letzte ganz vollendete Werk war die 
Grabfigur des „Kasson Memorial". Sie ist ein schönes Zeugnis für sein mit 
den Jahren sich stets vertiefendes Wesen. An einer Figur, die um die Jahr- 
hundertwende entstand, war ihm der Tod ein sanftes Entschlummern, an
	        

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