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Volltext: Monatszeitschrift XXIII (1920 / Heft 4, 5 und 6)

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KARL BITTER' S0- VON HANS KESTRANEK 50- 
OLCI-IE Verschwendung mit seinen geistigen 
Kräften treibt kein Land wie Österreich, keines läßt 
so leicht seine besten Menschen ins Ausland ziehen 
und achtet kaum, wenn sie draußen Großes wir- 
ken; wäre es anders, es würde sie besser halten, 
pflegen und - nutzen. 
Wenige werden unter diesen Auswanderern 
sein, die in der Fremde sich einen so geachteten 
Namen erwarben wie der Bildhauer Karl Bitter. 
Mehr als zwei Jahrzehnte stand er an der Spitze 
des Kunstlebens der Vereinigten Staaten von 
Nordamerika, nicht so sehr von Mode oder Gunst der Menge getragen, als 
von den eigenen Kunstgenossen auf den Schild erhoben. Was mehr ist als 
dies: Amerikanisches Wesen und amerikanische Ideale schienen in ihm, 
dem Österreicher, dermaßen verkörpert, daß er eine nationale Gestalt 
genannt werden konnte; als solche wurde er, den ein jähes Geschick, ein 
trauriger Unglücksfall vorzeitig hingerafft hatte, bei seinem Tode betrauert 
und dankbar gefeiert. Er war ein lebendes Beispiel für das alte Wort, daß 
einer mehr das ist, was er liebt, als was er ist. Er liebte Amerika, und so 
war er durchaus Amerikaner, gerade weil er aus unserem besten, dem der 
Liebe fähigsten, Stoffe gebildet war. 
Karl Bitter war nach Geburt, Erziehung und Wesen Österreicher, 
nicht dem Blute nach. Sein Vater, aus dem Kaufmannstande, war in jungen 
Jahren aus Baden nach Österreich eingewandert und hatte sich in Wien 
niedergelassen. Künstlerisch war die Luft im Eltemhause nicht. Es gab da 
wohl einige gute Bildnisse der Voreltem, sogar eine klassisch gehaltene 
Büste des Großvaters, und ein und das andere überkommene Möbelstück, 
als bescheidene Zeichen ehemaligen Kunstsinnes in der Familie, gleichsam 
Grüße aus der Biederrneierzeit. Jene Zeit war aber den Eltern Bitters eine 
ferne, fremde geworden, zudem war früherer Wohlstand einer einfach 
bürgerlichen Lebenshaltung gewichen. Hatten sie aber auch nicht den alten 
süßen Kern, so barg ihre harte Schale einen anderen, ebenso köstlichen, 
aus dem alles Liebenswürdige, ja Geniale immer wieder hervorbrechen 
konnte: eine unverwüstliche Rechtschaifenheit. Jung Bitter wurde es jedoch 
nicht leicht, sie zu durchbrechen. Mochte aber selbst der Mann sich nicht 
gern mehr der frühen Kämpfe im elterlichen Hause erinnern, so war die 
Kraftanspannung, welche nötig war, die häuslichen Schranken seiner früh 
und elementar gefühlten Bestimmung zu öffnen, doch geeignet, seinen ersten 
Schritten in der selbstgewählten Laufbahn Entschiedenheit und Schwung 
zu geben. Kaum vierzehnjährig, ein halbes Kind, brach er mit dem Gymna- 
 
" Geboren Wien 6. Dezember 1867, gestorben New-York xo. April 1915. - Da infolge des Krieges das 
Illustrationsmaterial aus Amerika nicht früher erhältlich war, kann dieser Aufsatz erst jetzt erscheinen. 
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