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Volltext: Monatszeitschrift XXIII (1920 / Heft 4, 5 und 6)

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Barockkunst mündete, in der „zweiten Barocke" endigte, liegt der Wettstreit 
der beiden großen Kulturideale des Westens. Der hellenistisch abgeklärte, 
streng korrekte Zopf war als Reaktion auf die verweichlichte Sittenlosig- 
keit und Formenwillkür des Rokoko wohl eine Zeit hindurch wohltuend. 
Aber so fremd die „griechische Mode" unserem Klima, unseren Lebens- 
gewohnheiten und Sitten war, so fern lag auch die abgemessene Steifheit 
des Zopfes dem heranwachsenden erstarkenden Bürgertum. Die Lessing- 
Goethesche Schönheitslehre wurde von der Romantik abgelöst. Nicht zufällig 
wirkten die gotisieren- 
den, naturalistischen 
Experimente dabei 
mit, die wohl auch im 
äußerlichen Formen- 
spiel stecken blieben, 
aber immerhin doch 
im romantisch-na- 
turalistischen Land- 
schaftsgarten und 
Park eine eigentüm- 
liche Leistung zu- 
stande brachten, die 
eine lange Nachwir- 
kung haben sollte. 
Diesesunbeküm- 
merte Vordringen der 
Phantasie, der freien, 
fessellosen Gestal- 
tungskraft hat allmäh- 
lich auch im Reiche 
Entwurf einer Fensterwand des Mobilars Stattge- 
aus dem „Magazin für Freunde des guten Geschmacks", Leipzig (die Fxies- fundgfL E5 hat zuerst 
ornameme auf blauem, die Pfeilerornameme auf rotem Grund)  griechisch_römi_ 
sche Verkleidung abgestreift und endlich auch die Formenstrenge über- 
wunden. 
Die beste Zeit des Biedermeiermöbels bewahrt noch jenen Sinn für Ein- 
fachheit und Klarheit der Gestaltungsweise, der ein Erbteil der klassizistischen 
Bewegung war, ohne dessen Äußerlichkeiten festzuhalten, Anderseits wirkte 
aber das romantisch-phantasievolle Gestalten, das in der Barockzeit so ge- 
waltig hervortrat, immer noch nach; diese Nachwirkung steigerte sich immer 
mehr. So paradox es klingen mag, man ist versucht, die Biedermeierzeit und 
für unseren Fall die Gestaltungsweise ihres Mobilars als eine Versöhnung, 
eine Verbindung und einen Ausgleich zwischen dem I-Iellenismus und 
dem Romantizismus, zwischen Gesetzmäßigkeit und Phantasie, zwischen 
Griechentum und Barocke zu halten. 

	        

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