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Full text: Monatszeitschrift XXIII (1920 / Heft 7, 8, 9 und 10)

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ein und schuf die technischen und ökonomischen Vorbedingungen für diese, 
und wenn solche Entfaltung und Auswirkung der Kräfte in dieser Weise 
auch keineswegs auf die österreichischen Länder beschränkt blieb, sondern 
auch in anderen deutschen Gebieten in die Erscheinung trat, so liegt doch 
wohl die Vermutung nahe, daß sie sich in der Ostmark und den angrenzen- 
den stammverwandten Ländern besonders früh und stark herausgebildet 
hat, begünstigt durch politische Erwägungen und die Tatsachen eines 
regen Handelsverkehrs. Früher und zielbewußter als anderwärts greifen hier 
nämlich Landesherren und obrigkeitliche Gewalten in das Wirtschafts- 
leben und die Entwicklung gerade des handwerklichen Schaffens ein, indem 
sie in kluger Beurteilung der gegebenen Verhältnisse die staatswirtschaft- 
liche Bedeutung des Handwerkes erkennen. Damit hängen zusammen die 
wiederholten Maßnahmen zur Auffrischung und Blutmischung des Volks- 
körpers in seinen handwerkstätigen Teilen und zur Verhinderung der Fest- 
setzung monopolistischer Ausnutzung überlieferter lokaler Vorrechte, welche 
zur Erstarrung und daher zur Minderung der Qualität der Arbeit und somit 
der Wirtschaftlichkeit des Schaffens führen könnten. Ein weiterer Umstand, 
welcher das Wirtschaftsleben hier beeinfiußt, die Kultur und Kulturbedürf- 
nisse und ihre Deckung hebt, liegt in der durch die geographische Lage der Ost- 
mark und der angrenzenden Alpengebiete bedingten alten Handelsstellung 
Wiens und vieler Orte Österreichs an der Donaustraße, den alpenländischen 
Salz- und Eisenstraßen und der Semmeringstraße, die sich trotz vieler 
Erschütterungen und Einbußen vom frühesten Mittelalter an erhalten hat. 
In diesen drei uralten Beziehungen: der Tätigkeit der Hausgenossenschaften, 
der landesherrlichen Einflußnahme auf die Umbildung und Entwicklung der 
gewerbetätigen Volksschichten, sowie des Handels als Grundlage der lokalen 
und staatlichen Wirtschaft und des frühen Verkehrs mit der Außenwelt, 
ist die Eigenart, Beweglichkeit, Vielgestaltigkeit, Unverwüstlichkeit und der 
mit dem bodenständig-nationalen und volkstümlichen Schaffenstriebe in 
gewisser Hinsicht immer verbunden gewesene lebendige Weltsinn des 
innerösterreichischen Kunsthandwerks begründet. So hat sich hier auch 
frühzeitig eine Ausbildung der gesellschaftlichen Struktur ergeben, indem 
neben die Fürsten, Adeligen, Priester und landwirtschaftlich Tätigen die 
Anfänge eines Gewerbestandes schon im XII. Jahrhundert treten, der sich 
sehr bald aus handwerkstechnischen und sozialpolitischen Gründen in seinen 
verschiedenen Zweigen eng zusammenschloß. 
Es schien, als ob das Vorhandensein organisierter und auch räumlich 
zusammengerückter kunsthandwerklicher Betriebe in Wien schon für das 
XII. Jahrhundert graphisch nachzuweisen wäre. Aber der von Zappert ver- 
öffentlichte sogenannte älteste Stadtplan Wiens, ein Passauer Gültenbuch, 
beziehungsweise die Eintragungen der Straßenbezeichnungen (Strata auri- 
fabrorum, Semita tunnariorum) in diesen Plan wurde als Fälschung erkannt. 
Dessenungeachtet ist es zweifellos, daß es um diese Zeit Goldschmiede in 
Wien gab, 1170 wird ein Goldschmied namens Bruno in einem Kaufverträge
	        

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