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Volltext: Monatszeitschrift XXIII (1920 / Heft 7, 8, 9 und 10)

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wir darin eine kapitalistische Orientierung in der Beschaffung der Arbeits- 
mittel und der Fühnmg der Verarbeitung selbst sowie die Ausbildung der 
Verlagsarbeit, welche den Erscheinungen des XVII. und XVIII. Jahrhunderts 
weit vorauseilt. 
Dem stets sich emeuemden, auf Monopolstellung ausgehenden Zünftler- 
tum treten wie in früherer Zeit immer wieder landesherrliche Bestrebungen 
entgegen, yvelche auf die Durchsetzung des Handwerks mit neuen Kräften 
abzielen. Man sucht mit Erfolg das Aufsteigen tüchtiger Gesellen in die 
Reihen der Meister zu sichern, der Zuwanderung werden stets sich wieder- 
holende Erleichterungen und Anreize geboten, die staatspolitische Führung 
der Produktion zeigt sich wie ehedem ihren Aufgaben gewachsen. Wie 
sehr zum Beispiel auf dem Gebiete der Gold- und Silberschmiedekunst 
Wien als Kunst- und Lehrstätte auch in den hierin von altersher hoch- 
entvvickelten deutschen Gebieten Achtung genießt, beweisen die wiederholten 
Zuwanderungen selbst von Augsburger und Nürnberger Gehilfen und 
Lehrlingen. 
Zu Beginn des XVII. Jahrhunderts dürfte sich die Zahl der organisierten 
kunsthandwerklichen Werkstätten Wiens auf 250 bis 300 belaufen haben. 
Dazu kamen viele außerhalb der Zünfte Stehende, welche für die 
technisch-künstlerische Entwicklung des Handwerks von größter Bedeutung 
wurden; das alte Hofhandwerk erfährt neue Ausbildung und zu diesen 
Handwerkern treten Künstler, welche für bestimmte Zweige der Arbeit mit 
kaiserlichen Freibriefen ausgestattet waren. So gab es im Jahre 1572 mehr 
als 7o solche Freimeister, unter Rudolf und Matthias über 400, unter 
Leopold I. an 500. 
Türkennot und andere Schicksalsschläge vertiefen die Erkenntnis, daß 
die Hebung der Edelarbeit eine Lebens- und Zukunftsfrage des Staates sei; 
was bis dahin mehr instinktmäßig erkannt und geübt wurde, wird nunmehr 
in eine Art wissenschaftlichen wirtschaftspolitischen Systems gebracht. Die 
Kameralisten Becher, Hörnigk und Schröder begründen und vertreten die 
Doktrinen des Merkantilismus, welcher in immer steigendem Maße die 
Wirtschaft und Politik Österreichs beherrscht und in so außerordentlichem 
Maße zur Ausbreitung, Intensivierung und Organisierung der kunsthand- 
werklichen Arbeit beigetragen hat. Das Problem der Geldwirtschaft drängt 
_ sich immer mehr in den Vordergrund. Man will das Abströmen der eigenen 
Geldmittel hindern und fremdes Geld ins Land bringen. Dies ist nur durch 
Unterbindung der Einfuhr von Waren und Hebung der Aktivität der Handels- 
bilanz möglich. So muß man große Arbeitsüberschüsse über den eigenen 
Bedarf erzielen, die heimische Arbeit verdichten, differenzieren, ihren inneren 
und materiellen Wert steigern. Der Kleinbetrieb vermag diese Leistung nicht 
zu vollbringen, man muß zum Großbetrieb übergehen, das Verlagssystem 
entwickeln, die Werkstätten zu Manufakturen erweitern; die Staatsgewalt 
aber, in Osterreich, wie wir sahen, seit dem frühen Mittelalter auf die 
Regelung der gewerblichen Arbeit bedacht, muß ihren Einfluß auf die
	        

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