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Volltext: Monatszeitschrift XXIII (1920 / Heft 7, 8, 9 und 10)

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wohl die Möglichkeit gewähren können, zu einer neuen zukunftssicheren deutschen Kunst 
zu gelangen. Die Abbildungen, die zur Erläuterung gewählt sind, beginnen mit dem Tempel 
zu Girgenti und dem Apoll von Tenea, breiter wird die Gotik und die Renaissance herbei- 
gezogen, dann folgen auf Rembrandt der Klassizismus der Poussin und David und endlich 
über Cezanne und Manet Werke von Picasso, Pechstein und Marc. B. 
ASMÜTHS KUNSTPIEFTEZ G. Müller, „Das Mumienporüät". Ein glück- 
licher Gedanke, zum billigen Preis von je 3-60 Mark eine Folge von Bilderheften 
herauszugeben, die weniger bekannte Meisterwerke der bildenden Kunst einem großen 
Publikum vermitteln sollen. Die Redaktion hat H. Th. Bossert übernommen, der selbst ein 
Heft mit Holzschnitten des Heidelberger Totentanzes aus dem späteren XV. Jahrhundert 
beigesteuert hat. Weiterhin sind bis jetzt Einzelhefte erschienen über Plakatkunst und 
Revolution von Oskar Gehrig, von dem Kunstkritiker Fritz Stahl über das deutsche Danzig, 
von dem Archäologen L. Curtius über das griechische Grabrelief und von G. Müller über 
das Mumienporträt. 
Aus letzterem mir vorliegenden Heft, das der hervorragende Ägyptologe und 
Direktor an den Berliner Museen Professor Dr. G. Möller sehr geschickt aus den großen 
Publikationen von W. Flinders Petrie, Adolphe Reinach, M. Edgar, Th. Graf, E. Guirnet, 
G. Ebers, R. Graul und anderen zusammengestellt hat, läßt sich ein vollwertiges Bild der 
impressionistischen Porträtmalerei des Hellenismus gewinnen. 
Die griechische Bevölkerung, die seit den Eroberungszügen Alexanders des Großen 
Ägypten besiedelt hatte, nahm mit den religiösen Mythen auch die Kultbräuche der Ur- 
bevölkerung an. Zu diesen gehörte vor allem die Art, die Leichen in Form von binden- 
umwundenen Mumien beizusetzen, wobei das Antlitz des Toten durch ein besonders ein- 
gefügtes Porträt wiedergegeben wurde. Als Technik für diese Mumienporträte wurde nun 
entweder die Temperamalerei in Wasserfarben auf Leinwand oder ein enkaustisches Ver- 
fahren, Wachsfarben, die auf eine Holztafel eingebrannt wurden, verwandt!" 
Die von G. Müller wiedergegebenen Porträte gehören meist dem zweiten nach- 
christlichen Jahrhundert an: das älteste Bildnis, der charakteristische geistvolle Graukopf 
des Demetrios, ist in die Regierungszeit des Kaisers Titus um 80 n. Chr. zu setzen. Das 
jüngste, das der schwarzlockigen Aline, einer voll erblühten Frau im Schmuck großer 
Perlenohrringe und einer zierlichen goldenen Halskette, um 17x n. Chr., ins zehnte Jahr 
der Herrschaft Marc Aurels. Außerordentlich lebendig sind auch die übrigen Bildnisse: ein 
melancholisch dreinblickender Jüngling mit goldenem Lorbeerkranz auf dem braunen 
Lockenhaar aus der Zeit Hadrians, der prachtvoll durchmodellierte Kopf eines Vierzig- 
jährigen (vor I 17 n. Chr.), das Bildnis eines langhaarigen Jünglings mit sprossendem Kinn- 
und Wangenbart, eine Dame der Gesellschaft aus der Gauhauptstadt Arsinoe im reichen 
Schmuck von Goldperlen und Smaragden, eine Matrone mit schlicht gescheitelter Frisur. 
Höchst charakterisüsch sodann ein Vertreter der unteren ägyptischen Bevölkerungsklasse, 
ein Negerrnischling mit Wulstlippen, tiefbrauner Hautfarbe und gekräuselten Bart- und 
Kopfhaaren, schließlich noch drei Jugendporträte: eines etwa achtzehnjährigen Jünglings 
mit Goldkranz, eines unschuldig in die Welt blickenden Backfischchens von etwa x3 Jahren 
mit Hängezopf und des ungefähr zweijährigen Söhnchens der schon oben genannten 
Aline, die unter Kaiser Marc Aurel starb. Mit welcher Lebendigkeit diese runden Klein- 
kinderzüge hier erfaßt und in frischen Temperafarben auf der Leinwand festgehalten 
erscheinen, wie dieser Babykopf schelmisch-emst aus der Umrahmung seiner Münden- 
binden nach fast zwei Jahrtausenden uns anschaut, das erfüllt uns mit der aller- 
größten Bewunderung vor dieser impressionistischen Porträtkunst Ägyptens, die zwischen 
der Regierung des Claudius und der des Aurelius (68 bis x92 n. Chr.) blühte. 
Fritz Hoeber 
' Vgl. Franz Winter, bei Gercke-Norden, Einleitung in die Altertumswissenschaft, Leipzig und Berlin, 
xgio, Band II, Seite x52 H.
	        

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