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Volltext: Monatszeitschrift XXIII (1920 / Heft 11 und 12)

schein; darauf wurde Füger von ihm zum Speisen eingeladen, welcher Aufforderung er 
folgte. Am 9. Juni ließ er sich beim Regierungspräsidenten Grafen Bissingen anmelden 
und fragte an, wie er sich für den Fall einer Anforderung an die Gemäldedepots zu ver- 
halten habe. Bissingen konnte ihm keine bestimmte Art angeben, wie er eine solche 
Anforderung würde ablehnen können. Als er zurückkehrte, meldeten ihm die Kustoden, daß 
inzwischen Denon mit zwei Komrnissären ins Belvedere gekommen sei und sie auf Grund 
eines übergebenen schriftlichen Befehles des Kaisers Napoleon allsogleich angefangen 
hätten, in den Depots der beiden Rondelle Gemälde auszusuchen. Füger legte die Abschrift 
des Befehlschreibens vor, in dem es unter anderem heißt: „Mr. Füger, directeur de 1' academie 
du Belvedere, voudra bien donner ä Mr. Denon rigoureusement tous les renseignements 
convenables et mettre a sa disposition tous les objets qu'il designera." 
Am io.]uni erfolgte abermals ein Besuch Denons unter Fortsetzung der Bilder- 
auswahl durch zwei Tage mit der größten Genauigkeit. Denon ließ durch seine Sekretäre 
Verzeichnisse der gewählten Gemälde verfertigen und versprach Füger Duplikate davon, 
die später tatsächlich einlangten. Die Himmelfahrt Mariä von Rubens und das Mosaik 
von Batoni mußten von der Wand abgehängt und zum Transport gerichtet werden. Alle 
Einwendungen dagegen blieben fruchtlos. Auf die Schwierigkeit des Transportes des 
großen Rubens aufmerksam gemacht, meinte Denon, er würde das Bild in drei Teile aus- 
einandernehmen. Füger erwiderte, eine solche „Operation" würde Stoff zu einer Anekdote 
in der Kunstgeschichte geben, die er nicht auf seine Rechnung zu nehmen gedächte. Das 
blieb aber ohne Eindruck. Denon behauptete, ausdrücklichen Befehl zu haben, dieses Bild 
zu nehmen. Es wurde demnach mit kleinen Sägen durchschnitten und gleich anderen, 
kleineren Gemälden eingepackt, Aber nicht nur diese Bilder nebst vielen anderen aus den 
Depots, deren größter Teil „nicht Kunstverdienst genug hatte, um für Pariser Museen 
geeignet zu sein", wurden genommen, sondern auch die großen „Bataillen"-stücke des 
Prinzen Eugen aus dem unteren Belvedere, auch einige auf Spiegel gemalte geringe 
Stücke, ein Marmortisch von Mosaik, chinesische Figuren usw. Sichtlich war Denon 
bemüht, die Anzahl der Kunsttrophäen zu erhöhen. Selbst mehrere Kopien bekannter 
Gemälde wurden mitgenommen. Auf Fügers Frage, ob er wirklich das alles im Museum 
aufstellen werde, verneinte Denon; es dürfe aber nicht das Ansehen haben, als hätte er 
die kaiserliche Galerie begünstigen wollen. Alle Einwände waren vergebens. Man gab 
Füger zu verstehen, daß die ganzen Depots als französisches Eigentum angesehen werden. 
So suchte Füger wenigstens alles das für die Galerie zu erhalten, was nicht von 
Denon ausgewählt worden war. Der größte Teil der in den vier unteren „sale terrene" 
befindlichen Stücke, auch die beiden Marmorgruppen, Karl VI. von Donner und Prinz 
Eugen von Permoser „wurden uns versichert". Um diese Depots vor weiteren Angriffen 
zu bewahren, erbat sich Füger vorn Generalgouverneur einen Befehl, der ihn autorisiertie, 
sie verschlossen zu halten. DieserfAuftrag erhielt er auch sogleich. Denon seinerseits 
stellte von ihm unterzeichnete Affichen bei, um die Türen der Depots gegen Gewalttätig- 
keiten der Soldaten zu schützen, welche bei der am 4. Iuli erfolgten Einquartierung des 
französischen rekonvaleszenten Militärs gute Dienste leisteten. Zu letzterem Zwecke hatten 
zehn Zimmer des oberen Palais geräumt werden müssen. Auch zwei große Küchenherde 
mußten binnen 24 Stunden instand gesetzt werden, obwohl die Rauchfänge abgetragen 
waren. Keine Vorstellung in letzterer Richtung wurde angehört. Am nächsten Tage 
erschienen 400 Mann, doch ohne Offiziere, noch irgend jemand, der ihnen Verpflegung 
und Geschirr gebracht hätte. Dies dauerte bis abends. Füger geriet in große Besorgnis, da 
er sie nicht zu verköstigen vermochte und die Gefahr vorlag, daß sie ihren Unmut an dem 
kaiserlichen Palais auslassen könnten. Nur dadurch, daß er französisch sprach, konnte er 
sie beruhigen. Abends langte endlich ein Wagen mit Brot ein. Am nächsten Tage kamen 
zwar Brot, Fleisch und Wein, aber kein Geschirr. Die Einwohner des Hauses gaben davon, 
was sie hatten, doch reichte es nicht. Füger ließ daher das Nötigste kaufen. Da die 
Forderungen immer dringender wurden, bat Füger den Generalgouverneur um Abhilfe.
	        

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