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Volltext: Monatszeitschrift XXIV (1921 / Heft 1, 2, 3 und 4)

liegt. Und dieses leitenden Gedankens war sich der Lenker all der Kräfte wohl 
bewußt, deren er zur Ausführung seines Werkes doch bedurfte: in diesem 
Sinne kehren wir zu der eingangs besprochenen Gruppe (Fig. g) zurück, wo 
das einzige gegen den Willen des Phidias sich aufbäumende Wesen in die 
einzig und allein von ihm gewollte Richtung zurückgerissen wird, durch: „den 
Zügel der Kunst". „Lo fren delParte" sagt Dante (II, 33, x41) und gibt uns 
damit in Worten klar den, soviel ich weiß, einzig hier in aller hohen Kunst 
mit Phidias bedeutsamem Bilde vergleichbaren Einblick in die Werkstätte so 
erhabenen Schaffens; das Papier, das er dem zweiten Teil der südländisch 
klar eingeteilten hundert Gesänge seiner Commedia zugemessen habe, sei 
zu Ende und, wiewohl er noch manches zu sagen wüßte: 
„non mi lascia piu gir' lo fren dell'arte." 
So ist jenes Bild dreifach zum mindesten bedeutsam: als rein formal- 
künstlerisch äußerst wirksamer Kontrast, als inhaltlich neues Motiv, und als 
Hinweis auf den leitenden Gedanken. 
Nur mit den Werken der größten Dichter und Tondichter können die 
wahlverwandten Schöpfungen des Phidias gemessen werden. Auf dem Gebiete 
der bildenden Künste steht er allein, wie schon Michaelis ahnte, der von ihm 
schriebr" „Gilt es einmal Phidias vollständig zu schildern, so wird . . . die 
geniale Kraft des Mannes, allerdings wohl auch seine einsame Größe . . . 
anschaulicher" werden. Seine Werke erscheinen fast „incommensurabeP, 
wie Goethe seinen Faust nannte," wie den Freunden Beethovens dessen 
„Neunte"f'"" den Verehrem Bachs dessen „Chrornatischemf als unvergleich- 
lich galten; und von dem alsWeltwunder schon im Altertum gepriesenen Zeus 
des Phidias in Olympia bemerkte schon Pausaniasfyi" daß man ihn nicht wohl 
ermessen könne. Hat man gerade seinen Cellafries näher betrachtet, so fühlt 
man die Richtigkeit der von Michaelis geäußerten Meinung; dieser best- 
erhaltene Teil aller Parthenonskulpturen steht in aller Kunst einzig da; er 
hat in der Genialität und Großzügigkeit der Gesamtanlage keinen Vorläufer, 
keinen Nachfolger. Unmöglich können die anderen, weniger gut erhaltenen 
Teile der Parthenonskulpturen wesentlich von ihm verschieden sein. Sie allein 
können mit ihm verglichen werden. 
Zunächst bietet sich seiner ganzen Anlage nach der äußere dorische Fries 
zum Vergleiche dar; er ist uns freilich an seiner Nordseite nur lückenhaft 
erhalten. Aber das hinderte schon Michaelis nicht, das „geistige Band" klar 
zu erkennenj-H- welches diese 92 Metopen zu einer untrennbaren Einheit in- 
haltlich zusammenschloß; dazu kommt formal noch die unendliche Perlen- 
schnur, an die wir schon eingangs erinnert haben. Auch der große, rein 
architektonische Rahmen der Triglyphen und des alles verbindenden Kranz- 
ä "Der Panhenon", Seite XI. 
H Eckermann gegenüber am 3. l. 3c; vgl. auch 13. II. 31. 
ä" Ries an Beethoven am g. Juni 25; siehe Nohl, Briefe Beethovens (1865). Seite 29g, Anmerkung. 
1' Ferkel, Über j. S. Bach's Leben (1802), Seite 55 f. 
1-1- V, n, g. 
i-H- „Der Parthenon", Seite 35H. und Seite x26.
	        

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