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Volltext: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe I (1866 / 7)

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Am Schlusse des Mittelalters lösten sich Architektur, Malerei und Plastik in ihre 
Atome auf, um aufzugeben in einer neuen Richtung. 
III. In der dritten und letzten Vorlesung kam der Redner auf diejenigen Gewerbe, 
welche der Baukunst (Steinmetzknnst) als Ergänzung und Schluss gedient haben, und auf 
dis sogenannten Kleinkiinste zu sprechen. 
In die erste Gruppe gehören die Holzschnitzer, jene nämlich, deren Werke - 
im Gegensatz zur freien Bildhauerkunst - an die Monumente selbst gefesselt sind. Die 
Hauptarbeiteu dieser Holzschnitzer sind die Altäre, kirchlichen Möbel und Chorstühle. 
Wenn man die jetzigen Verhältnisse der Kunstgewerbs und die jetzigen Hilfsmittel über- 
blickt gegenüber der damaligen Zeit, so muss man über die Menge der angefertigten Kunst- 
werke staunen. Man kömmt zu dem Schlusse, es müssen eigenthiimliche Verhilmisse be- 
standen haben, welche diese Leistungen ermöglichten. Wie die Steinmetze, waren auch 
die Holzschnitzer in Genossenschaften organisirt, welche allerorts derartige Kunstwerke 
ausgeführt haben. Aus diesen Genossenschnßen, deren Entstehung wieder auf die Klöster 
zurückzuführen ist, sind einzelne ausgezeichnete Künstler und viele tüchtige Meister her- 
vorgegangen. Sie haben im 14. Jahrhundert wunderbar zarte Werke geschaffen, später 
versunken sie immer mehr in rein gewerblichen Leistungen. Allgemein zeigt sich die Er- 
scheinung, dass diese Kunsthandwerker die Arbeiten der Architekten als orbild nahmen 
und nach der Natur ihres Materiales in der Durcbbildung der Formen weiter gingen, als 
die Architekten selbst. Je länger diese Uebung fortgesetzt wurde, desto mehr artcten diese 
Formen in Caricatureu aus, bis man endlich zu gewundenen Fislen u. dgl. Dingen ge- 
langte: Leistungen, die ganz verwerflich wären, wenn sie nicht oh doch grosse Kunst- 
fertigkeit und Talent verrathen würden. Dieselbe Erscheinung wie bei der Einrichtung der 
Kirchen zeigt sich auch im bürgerlichen Leben; die einfachen, klaren Formen, denen wir 
anfangs begegnen, steigen immer mehr ins Manierirte und verfallen endlich in Ueber- 
treibung und Caricatur. 
Ein im Mittelalter durch aussererdentliehe Leistungen hervorragendes Gewerbe ist 
ferner das der Schmiede und Schlosser; es zeigte sich da der mlohtlge Einfluss der 
Handarbeit auf die künstlerische Durchbildung der Erzeugnisse. 
Die Bildung der Beschllge, die Construction der Gitter und die sogenannten durch- 
gesteckten Gitter erforderten eine ausserordentliche Technik. Ein weiterer erheblicher Zweig 
der Thiitigkeit der Schmiede und Schlosser waren die Wimpel und Dachverzierungen dar 
Hliuser, wovon noch manche wunderbaren Zeugnisse erhalten sind. In gleicher Weise hat 
sich au den Gehiusen der Brunnen und manchen anderen Dingen die Schlosserei als Kunst- 
handwerk nzsnifestirt. Meist sind auch diese Arbeiten im Anschlusses an die Architektur- 
werke und oh in Nachahmung derselben erfolgt. 
Eines der wichügsten Knnstgewerbe war im Mittelalter das der Goldschmiede. 
Nichts greift so tief ein in das sociale und kirchliche Leben, nichts charakterisirt so sehr 
ein Volk und seine Lebensweise, als die Art, wie es seine Gefiissc bildet und wie es 
dieselben benützt. 
Zur richtigen Beurtheilung der Gciisslrunst des Mittelalters muss man beachten, 
dass die Kirche auch bei der Bildung dieser Gefßsse wesentlich vorangegangen ist. 
Die Kirche unterscheidet zwei Hauptarten von Getässen, die Wcihogefüsse und die 
Reliquiarien. ' 
Erstere werden nach gewöhnlicher Art für die rituellen Zwecke beniitzt, letztere 
sind Monumente irn Kleinen. Das bedeutendste Gefiss, das zu allen Zeiten für die ersteren 
Zwecke diente, der Kelch, hat sich in seiner Hauptform nicht wesentlich verändert; die 
liturgische Vorschriß, dass die Cuppa des Kclches nicht gravirt werden darf, sondern 
platt sein muss, hat den gothischen Kelchen unter sich eine grosse Aehnlichkeit verschafft. 
Die sogenannten monumentalen Goldschmiedearbeiten das sind die Ostensorien, 
Monstranzcn und Reliquiarien. Die Scbrcine der Reliquiarien sind Nachbildungen kleiner 
Kirchengebäude; die Künstler folgten darin den Fortschritten der Architektur auf das 
Sorgfiltigste. Der Schrein Carl des Grossen, der heiligen drei Könige in Cölu u. s. f. sind 
nachgeahmte Basilikenbauten im Kleinen. 
In der romanischen Kunst, welche durch ihre breiten Flächen und kleinen Fenster 
der Malerei viel mehr Raum zur Ausbreitung gewährt, und in der friihgothischen Periode 
waren auch in den Kleinkünstan viel mehr Farben verwendet worden. Was in der grossen 
Kunst das Mosaik, das ist in der Kleinkunst das Email. So hat die Goldschrniedekunst 
noch im I4. und I5. Jahrhundert Bchreine gebildet, von denen manche eine kleine St. 
Cbapelle für sich darbieten; es sind kleine Modellgebäude aus edlem Metall. Ein Gefiiss, 
das Ostensorium genannt wird, hat die Bestimmung, eine Reliquie hermetisch zu verschliesssn 
und doch auf weite Entfernung hin sichtbar zu machen. Da lag es nahe, dieses Gebäude 
wieder als ein Monument aufzufassen, die Säulen als Fialeu zu gestalten und dem Ganzen 
die Fonn eines kirchlichen Gebäudes zu geben. Die Ostensorien haben sich später zu den 
Monst-ranzen entwickelt. 
Nachdem einmal der Gedanke entstanden war die Geflisse dieser Art in die Forln
	        

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