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Volltext: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe I (1866 / 7)

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von Gebäuden zu kleiden, finden wir im 15. und im Anfange des 16. Jahrhunderts die 
Fialen in der widerspruchvollsten Weise verwendet; während die Erfinder mit vielem Sinne 
vermieden, diese Architekturfonn dort anzuwenden, wo sie die Handhabung der Gefässe 
erschweren, und sie nur deoorativ verwendeten, hört dies später ganz auf und es Wurden 
die Fialen auch dort angebracht, wo sie das Anfassen außerordentlich erschwerten. Ein 
sehr merkwürdiges Moment in der Charakteristik der mittelalterlichen Gefässo ist die Ver- 
Wendung anderer Stode, wie von Muscheln, Hörnern u. dgl. Auch in der Hammerarbeit 
hat sich die Freiheit der mittelalterlichen Goldschmiedekunst erkennbar gemacht, so in 
der Arbeit der gebogenen Blätter (Corvinusbecher) in der gothischen Zeit und im Ucbers 
gang zur Gothik die Gruvirung und das ämail cloissmtd. Von den Zeichnungen für Gold- 
schmiedearbeiten haben sich wenige erhalten. 
An die Goldschmiede sind anzureihen die Erzgiesser. In technischer Beziehung 
stehen dieselben sehr hoch. Auch die Giesser haben sich strenge an die Formen der Ar- 
chitektur gehalten; Baldnchine, Consolen und andere Architekturtheile finden wir im Gusse 
wieder, lediglich mit jenen Modiiicatiunen, welche der Guss erforderte. Auch die Stück- 
giesserei des späteren Mittelalters hat Vorziigliches geleistet. 
Von besonderer Wichtigkeit ist noch die Kunst der Stickerei und Weberei des 
Mittelalters. Die ursprüngliche und natürlichste Weise, in welcher die Kunst auf die We- 
berei Einünss nimmt, ist die, dass sie musivische Gebilde in den Geweben anbringt. Mit 
der technischen Entwicklung wird nllmählig die Kunst freier und bedeutender. 
Unabhängiger von der Technik steht die Stickerei, welche mit der Malerei jederzeit 
Schritt gehalten hat (Nadelmalerei); auch auf diesem Gebiete sind allmählig schwere Ver- 
irrungen hervorgetreten. 
Auf keinem Gebiete haben sich die Bildungen des Mittelalters von der Antike mehr 
entfernt, als in Betrctf der Gefisse aus Thon. Abgesehen von einzelnen technischen 
Vollkommenheiten einerseits und besonderen Nsivitiiten anderseits, sind die Thonarbeiten 
des Mittelalters von geringerer Bedeutung. 
Zum Schlusse hielt es der Redner iiir angezeigt, einen Blick zu werfen auf die 
Bildung der heranreifenden Kräfte, auf die Art und Weise der Ausbildung, welche die 
Künstler des Mittelalters genossen haben. Die Bildung der Kiinstler des Mittelalters war 
diametral verschieden von der heutigen und von demjenigen, was heutzutage manchmal 
angestrebt wird. 
Wer eine bestimmte Sache lernen will, muss sie so lange versuchen, bis er sie kann. 
Wer sich nur theoretisch darüber belehren lässt, wer sich alles Mögliche sagen lässt, was 
darüber zu sagen ist, ohne es selbst zu üben, der wird das Fach vielleicht verstehen, 
aber noch immer nicht können! Auch heutzutage lernt der Steinmetz beim Steinmetz 
und ebenso der Tischler und Schlosser beim Fachgenossen. 
Diejenigen aber, die aus dem Handwerke heraustreten und aus dem todten Materiale 
Kunstwerke schaden wollen, können es auch nur durch beständige Uehung. Eine solche Schule 
unter den Augen der Meister haben die Kunstjiinger des Mittelalters durchgemacht. Die 
Zeichnungen dieser Schüler - wie sie beispielsweise bei St. Stephan noch zahlreich vor- 
handen - sind als solche, verglichen mit den heutigen, meist Stiimperarbeiten; sie machten 
gar nicht den Anspruch, als Zeichnungen einen Werth zu besitzen, sie waren nur diichtige 
Skizzirungen architektonischer Ideen, Anhaltspunkte, welche fiir die Ausiiihrung des Werkes 
erforderlich waren. , 
Die Erscheinung, dass heutzutage so viel auf Zeichnung und verhiltnissmässig so 
wenig auf die That selbst verwendet wird, ist Ursache manch herber Täuschung. Das 
wenigstens könnte unsere Zeit von der Kunst des Mittelalters lernen, wenn schon sonst 
nichts von ihr iiir unsere Zeit verwendbar sein sollte, dass das praktische Können und 
Schaden es ist, was allein eine richtige Grundlage der Organisation unserer Bildungs- 
anstalten darzubieten im Staude ist. _ 
Kleinere Mittheilungen. 
(Geschenke an das Museum.) Seit Jänner d. J. sind dem listen. Museum 
folgende Geschenke xugekommen: 
Herr Börsenrath Epstein hnt dem österr. Museum die schöne Terracntta-Skizze von 
R. Donner „Prometheus" und Herr Essenwein, erster Vorstand des germ. Museums 
in Nürnberg ein mittelalterliches Swümnster und eine Serie von Photographien zum Geschenke 
gemacht. Auch die Bibliothek des Museums ist durch einige Geschenke, unter Andern von 
Herrn Canonicus Bock in Aachen bereichert worden. 
(Neu anlegt-stellte Gegenstände.) Seit der Drucklegung des lllärz-Hefles der 
nllittheilungen" sind folgende Gegensüinde im üsterr. Mnscuni zur Ausstellung gckolnnxen:
	        

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