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Volltext: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe I (1866 / 11)

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gerade vom Geschmack und Bediirfniss der Consumenteu verlangten Waaren herzustellen. 
Herr D. selbst machte ein blühendes Geschäft, und wird nach Ablauf der mit der Regie- 
rung geschlossenen Verträge ihrer Unterstützung nicht mehr bedürfen. Der ganze Zu- 
schuss der Regierung hat übrigens in 580 d. bestanden, wozu die Commune noch 200 d. 
hinzhfligte. Diese Auslage hat sich schon in kurzer Zeit zehnfach durch Ersparung an 
Armenunterstützung, Strafjustiz etc. ersetzt! 
In der ostiiandrischen Gemeinde C. wurden von einer Commission in einer alten, in 
zwei Abtheilungen geschiedenen Scheune 14 Webstühle aufgestellt, die man für einen 
billigen Preis angekauft und mit Schnellschützen und Regulatoren versehen hatte; daneben 
war noch ein Raum zur Aufbewahrung der Garne und fertigen Stücke gemiethet. So ein- 
fach ging man vor. Aber in vier Jahren hatte diese bescheidene Stätte bereits 280 aus- 
gezeichnete Weber ausgebildet, welche das Erlernte in ihrer Heimat weiter verbreiteten. 
Der Werkmeister des Ateliers selbst ist ein ehemaliger Schüler desselben, mehrere andere 
Zöglinge der Anstalt werden abwechselnd dazu verwendet, die Stühle der Weber in ihrer 
Behausung aufzustellen und diese bei ihrer Arbeit snzuleiten. Die in dem Atelier ausge- 
bildeten Weber arbeiten in einer gegebenen Zeit und zu bei weitem günstigeren Bedin- 
gungen ein Drittel, ja die Hälfte mehr, als die, welche der früheren Methode folgen. Der 
Andrang zum Atelier ist sehr gross und die Zulassung wird als eine Gunst betrachtet. 
Die Arbeiter verdienen doppelt so viel als früher. Nach beendeter Lehrzeit erhalten sie 
vervcllkommnete Werkzeuge, um die erlernte Fertigkeit in ihrem Hause zu verwenden. 
Die Weber von (1., vorher nur als mittelmiissig angesehen, sind jetzt von den Fabrikanten 
gesucht. Die Erzeugnisse der Werkstätte gehen nach Italien, der Schweiz, Amerika. 
In Leda, einer Ortschaft von 4000 Seelen, zahlte die Lehrwerkstätte schonim ersten 
Jahre ihres Bestehens wöchentlich 240 ü. an Löhnen, also in 1 Jahr 12.000 d. aus. Im 
ganzen Lande wurde der in den Ateliers umgesetzte Arbeitslohn auf jährlich 600.000 d. 
eschützt. 
g Die ersten Lehrwerkstiitten waren der Leinenweberei gewidmet, und ihre guten Re- 
sultate traten bald zu Tage. Die Waare wurde wieder marktflhig, bekam Ruf, die Nach- 
frage wurde reger, der Absatz stieg, die Weber erhielten besseren Verdienst, und die ganze 
Gegend fühlte Erleichterung. Nachdem der Muth der Bevölkerung neu geweckt war, 
schritt man zu weitem Verbesserungen und verfeinerte die Weberei bis zur Anfertigung 
von Damasten und Batisten. Um jedoch die Bevölkerung nicht allein von den Conjunc- 
turen des Leinengeschäftes abhängig zu machen, wurden der Reihe nach auch an- 
dere Industriezweige durch Musterwerkstiitten eingebürgert. Man lehrte 
die Anfertigung glatter und faconnirter Baumwellenzeuge aller Art, die mit der Sticklade 
gewobenen Vorhang- und Haubenstode und die weissen und farbigen Piquedecken bis zu 
vier Ellen Breite nicht ausgeschlossen; ferner wurden Ateliers gegründet für Kammgarn- 
gewebe und gemischte Gewebe, Merinds, Orleans u. s. w., für verschiedene Modestotfe in 
Wolle und Seide, wie Halstücher und schottische Shawls, Teppiche, elastische Gewebe, 
faconnirte und gemusterte Westen- und Hesenstode und Cursette ohne Naht; sodann für 
Banmwollsammt und Seidcnsammt, Plüsche, Atlasse, Taßte, Rosshaargewebe und alle Arten 
Bsnd- und Bortenweberei. Ausser der Weberei wurden verbesserte Spinnerei, Stickerei, 
Spitzenklöppeln, Handschuhnäben und manche andere Vervollkommnung, z. B. in der 
Nagelschmiedekunst praktisch gelehrt. Im Ganzen wurden bis zum Jahre 1853 gegen 100 
Lehrwerkstätten errichtet. 
Als Lehrer berief man Arbeiter und Arbeiterinnen aus verschiedenen Ländern, diese 
bildeten Schüler aus und liessen sich auch oft selbst dauernd in der Gegend nieder. So 
bürgerten sich durch herbeigezogene Werkmeister verschiedene Industriezweige der fremden 
Städte Roubaix, Valenciennes, Lyon, Bradford, Tarare, Elberfeld u. a. ein. Es entstand 
dadurch ein mächtiges Geflecht von verschiedenartigen Gewerben, welche der Arbeiter- 
bevölkerung eine Art Assecnranz gegen gefährliche Katastrophen gewährten. Die Arbeiter- 
notb gelegentlich derletzten Baurnwollkrise in den Jahren 1862 und 1863 würde bei An- 
dauer der früheren Zustände, z. B. in Gent einen furchtbaren Grad erreicht haben. Bei 
Einbürgerung neuer Industriezweige ging man übrigens von dem richtigen Grundsatz aus, 
die Verfertigung der Modeartikel in der Nähe der Städte zu halten, dagegen in den ab- 
gelegeneren Landschaften nur die einfacheren Gewebe zu verbessern: überhaupt sollte 
nichts künstlich erweckt werden, was keine Dauer versprach. 
Selbstverständlich waren die Erfolge der Lehrwerkstäitzen verschieden je nach der 
Persönlichkeit der Unternehmer und Werkmeister. Zur Controle derselben bestanden 
überall von der Regierung ernannte örtliche Ausschüsse mit angesehenen Bürgermeistern 
an der Spitze. Die Mitglieder wechselten ab bei Ueberwachung der Werkstätten. Sämmt- 
liche Ausschüsse einer Provinz stehen unter einem Ins pector, der zugleich Abtheilungs- 
verstand bei der Provinzialregiemng ist und direct dem Statthalter Vortrag erstattet. 
So segensreich nun aber auch die Wirkungen dieser Anstalten gewesen sein mögen,
	        

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