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Volltext: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe I (1866 / 11)

Jäl 
thum nicht ganz den richtigen Gebrauch von diesem Stolf gemacht zu 
haben, indem es diesen Stoß in Verbindung mit Gold zu Colossalstatuen 
verwendete. Von solcher Art waren bekanntlich die Phidiaskchen Sta- 
tuen des Zeus in Olympia und der Athene im Parthenon. Wenn auch 
diese Statuen wohl nur mit Elfenbein umkleidet gewesen sind, so musste 
doch diese Umkleidung aus unzähligen Stückchen zusammengesetzt werden, 
womit Solidität, die man mit Colossahnoninnenten zunächst im Gedanken 
verbindet, sich nicht vereinigen lässt. Die Natur selbst hat dem Elfenbein 
die Verwendung liir das Kleine vorgeschrieben. 
In diesen Grenzen hat sich auch das Mittelalter gehalten; die An- 
wendung aber, die es innerhalb derselben vom Elfenbein machte, ist eine 
ausserordentlich reichhaltige, ja, was uns davon erhalten ist, das ist so 
bedeutend, dass es uns einen unschätzbaren Beitrag zur Kunstgeschichte 
liefert. Dies gilt ganz insbesondere schon von jener frühen Zeit, von der 
Scheide des Alterthums und des Mittelalters, wo die grosse Sculptur sank 
und was sie geschaffen hatte, wieder zerstört wurde. Aus dieser frühen 
Zeit sind uns vor allem eine nicht unbeträchtliche Zahl sogenannter Cona 
sulardiptychen erhalten, Elfenbeintafeln, welche zu den äusseren Bedeckun- 
gen der Wachstafeln dienten und später in christlicher Zeit als Verzierung 
der Buchdeckel benützt wurden. In den Reliefdarstellungen. mit welchen 
sie geschmückt sind, kann man nicht nur die Umwandlung des plastischen 
Stils etwa vom 3. bis zum 6. oder 7. Jahrhundert nach Chr. Geb. ver- 
folgen, sondern man bemerkt auch ein Hinübergehen und Zusammen- 
lliessen antiker, barbarisch-heidnischer und sodann christlicher Gegen- 
stände, welches iiir die Culturgeschiehte, iiir die Archäologie und beson- 
ders noch tiir die Costiimgeschichte von vielfachem und bedeutendem 
Interesse ist. 4 
Seitdem die christliche Kirche sich eine eigene Kunst schuf, nahm 
sie das Elfenbein als willkommenen Stoff an und verwendete ihn zu man- 
cherlei Geräth. Sie pflanzte die alte Weise der Diptychen und Triptychen 
fort, aber so, dass die Schnitzereien, welche religiöse Gegenstände alten 
und neuen Testaments darstellten, auf die innere Seite angebracht wurden, 
und sie bediente sich dieser Gerätbe als kleiner tragbarer Altäre oder 
Altarsehreine für den privaten und den Hausgebrauch. Die Mönche von 
St. Gallen waren unter andern sehr geschickt in der Anfertigung solcher 
Täfelchen, deren sich noch einige von ihren Händen als Buchdeckel er- 
halten haben. Ausserdem finden wir das Elfenbein zu Hostien- und Re- 
liquienbehältern, zu Pastoralen, als kleine Füllungen bei Kanzeln, zur 
Verzienmg der Sessel und sonstigen Geräths gebraucht, immer bedeckt 
mit Schnitzereien religiöser Gegenstände. 
Nicht minder reiche Verwendung machte davon die Kunst zu bür- 
gerlichem Gebrauch. Erhalten sind uns namentlich noch kleine Kästchen 
mit erotischen Scenen, mit Darstellungen aus dem ritterlichen Leben, die
	        

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