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Volltext: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe I (1866 / 11)

zum öftern bekannten epischen Dichtungen entnommen sind. Diese Käst- 
chen mögen den Damen als Schmuck- und Arbeitskästchen gedient haben; 
uns geben sie heute noch ebenso willkommenen Stoff für die Geschichte 
der Kunst wie des Costüms und der Cultur. Von gleichem Werth und 
gleicher Art sind einzelne noch erhaltene Spiegelkapseln mit zahlreichen 
Figuren, die als Ornament unsere modernen Haudspiegel weit beschämen. 
Die Italiener verwendeten im Mittelalter das Elfenbein zum Schmuck 
grösserer Truhen, indem sie dieselben damit ringsum bekleideten. Diese 
Truhen hatteuwahrscheinlich die Bestimmung, den Brautschmuek aufzu- 
nehmen und gehörten somit selbst zur Ausstattung vornehmer Damen, 
denn rimdum ist gewöhnlich im Elfenbein ein ganzer Brautzug, paarweise 
Herr und Dame, dargestellt. Auch war es in Italien, wo man M viel- 
leicht schon nach antikem, wenigstens byzantinischem Muster - das 
Elfenbein zu malerischer Wirkung mitbenutzte, indem man es entweder 
weiss oder auch gefärbt und mit anderen Stoden zu feinen Mosaikmustern 
zusammensetzte, mit denen man die Leisten der erwähnten Brauttruhen, 
dann aber überhaupt Kästchen und ganze Möbelstücke überzog. Diese 
italienische Intarsio spielte in der Möbelschreinerei eine grosse Rolle, insv 
besondere vor dem 16. Jahrhundert, als an die Stelle des malerischen 
mehr das geschnitzte plastische Ornament trat. Nicht unwahrscheinlich 
ist diese Mosaik im 16. Jahrhundert nach Indien hiniibergegangen, wo sie 
noch heute - besonders in Bombay - in grosser Blüthe steht und mit 
grossem Geschmacke geübt wird. Gegenstände dieser Art waren mehrfach 
im Museum ausgestellt. 
Bei der Masse der edlen Metalle, welche im I6. Jahrhundert der 
Goldschmiedekunst zutloss, scheint der künstlerische Gebrauch des Elfen- 
beins eine Weile abgenommen zu haben, dafiir lebte derselbe aber mit 
dem Beginn des 17. Jahrhunderts in einer Weise wieder auf, welche 
an Ausdehnung und Virtuosität alle Vergangenheit übertroffen zu haben 
scheint. Zwar war der Kunststil in der Plastik zu jener Zeit kein reiner 
und die natlualistische Richtung derselben ging auch auf das Elfenbein 
über, aber mit ihr zugleich auch die tiefe Kenntniss der Natur, die in 
diesem Stoff ott noch treuer und liebevoller erscheint. Der Grund dafür 
liegt darin, dass die Miniatursculptur des Elfenbeins mit Nothwendigkeit 
eine feinere und vollendetere Ausführung verlangt, während die grösseren 
Sculpturwerke des 17. Jahrhunderts nur zu oft gerade die Vollendung, die 
letzte Hand der Liebe vermissen lassen. 
Diese erneute Elfenbeinschnitzerei des 17. Jahrhunderts blühte zu- 
gleich in Italien, in Deutschland und in den Niederlanden. Was das 
erstere Land betrifft, so brauche ich beispielsweise nur an Fiammingxfs 
wohlbekannte reizende Kindergruppen zu erinnern, die in einem sehr 
hohen Relief ausgeführt sind. In den Niederlanden scheint sich eine ganze 
Schule von Elfenbeinschnitzern herausgebildet zu haben, so zahh-eich sind 
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