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Volltext: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe I (1866 / 11)

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Der Wiener Congress vereinigte Belgien mit Holland; allein zu den Verschieden- 
heiten, die zwischen beiden Bevölkerungen in confessicneller, socisler und politischer Hin- 
sicht entstanden waren, kam nun auch eine Verschiedenheit der Interessen, insofern die 
Holländer, von jeher ein Kaufmsnnsvolk und an ungehemmteste Bewegung des Handels 
gewöhnt, Freihlindler waren, die Belgier aber, durch den Krieg geschwächt, eine schützende 
Schranke gegen die Uehermacht der englischen Industrie verlangten. Ein Ausgleich würe 
vielleicht dennoch mit der Zeit erfolgt, wenn nicht die Westmächte Frankreich und Eng- 
land, das eine aus politischen, das andere aus wirthschaftlichen Gründen, der Existenz eines 
kräftigen Mittelstastes der Vereinigten Niederlande abgeneigt gewesen wären. So kam es 
zur Trennung durch den Aufstand von 1830. Mit dem stsrnmverwandten Holland zer- 
fallen, in den zerfahrenen Verhältnissen Deutschlands keinen Schutz iindend, von England 
mit Kälte, von Frankreich mit verlangender Freundlichkeit behandelt, in materieller Hin- 
sicht sowohl des Zuiiusses holländischer Capitalien als der bedeutenden Diiierentislhedin- 
gungen (25 Percent) beraubt, welche seine Industrie in den holländischen Colonien ge- 
nossen hatte, zog sich Belgien auf sich selbst zurück, und widmete sich mit Umsicht und 
Ausdauer der Begründung eines Wohlstandes und einer industriellen Thlitigkeit, welche im 
Laufe der Jahre die inneren Parteikiimpfe mehr und mehr zum Schweigen brachte, und 
dem kleinen Land eine geachtete Stellung in der europäischen Staatenfamilie erworben hat. 
Gewiss ist es nicht uninteressant und vielleicht auch nicht unnütz, auf die müh- 
samen, aber erfolgreichen Wege der von Kilnig Lwpold und seinen Staatsmännern ein- 
geschlagenen Industriepolitik einen Blick zu werfen. Lassen sich such die Verhältnisse 
eines in die meisten Welthiindel verwickelten Grossstastes nicht allgemein mit dem Mass- 
stab Belgiens imesseni, so fehlt es doch nicht an gemeinsamen Berührungspuncten, und 
es wäre sicher als ein grosses Glück anzusehen, wenn die in Belgien 
durch Probe bewährten Erfahrungen auch in den Bureaux und Ständeslilen 
Oesterreichs und seiner Krenllinder einige Beachtung fänden. 
Die Fliege der Gewerbe und Industrie in Belgien ist auf soliden Grundlagen orga- 
nisirt. Eine sehr wichtige Rolle ist dabei den „Inspectorenu zugetheilt, die den Jndustrie- 
commissären" entsprechen, welche Maria Theresia in Oesterreich eingeführt hatte. Diese 
Inspectoren besuchen regclmiissig bestimmte Industriegegenden, halten sich dort längere Zeit 
auf, hören Leute aller Stände an, studiren die Verhältnisse und namentlich die Bedürfnisse 
der Gegend, und erstatten direct an den Statthalter ihre Berichte. 
Die Statthalter betrachten die Sorge iiir den Wohlstand und die Steuerkraft der 
ihnen anvertrauten Provinzen als ihre erste Aufgabe. "Es macht einen ausserordcutlich 
günstigen Eindruck - so sagt der Vorstand der volkswirtbschuftlichen Centralhalle von 
Würtemberg, Herr von Steinbeis, - in den Vorsälen der Statthaltereien förmliche 
Musterluger aufgestellt zu sehen, in welchen die Leistungen der Lehrwerkstätten über- 
sichtlich dargestellt sind, und den Beweis liefern, dass hier die Fürsorge für den Er- 
werb ebenso eingebürgert ist, wie diejenige für die Steuerzablung und die Aufrechthaltung 
der Gesetze." Der wichtigste Beirath der Regierung in Industrialsachen ist der Handels- 
rath (cmueil wpdrieur), zu '13 aus ernannten Mitgliedern und zu V, aus Erwßhlfen der 
Handelskammern bestehend, die jährlich einmal auf kurze Zeit zusammenkommen. 
Als eine der glücklichsten Schöpfungen der belgischen Volkswirthschaitspiiege sind 
von vielen Seiten die Anstalten zur praktischen Erlernung der Gewerbe mit 
Recht betrachtet worden. 
Unter dem Eindruck der grossen Calamitiiten, in denen sich die gewerbtreibende Be- 
völkerung Belgiens nach der Trennung von Holland befand, deren Dimensionen noch gar 
nicht abzusehen waren, bildete sich ein Verein (ueaociation nationale prmr le progrea de 
Faneienne industris linitre) mit dem ausgesprochenen Zweck, dem Lande seine Ueberlegen- 
heit in der Leinenindustrie zu erhalten, den Flachsbauern, Spinnern, Webern und Kauf- 
leuten als Stützpunct zu dienen, nützliche Bemerkungen und gute Arbeitsmethoden zu ver- 
breiten, das Bestreben nach Vervollkommnung anzuregen und zu belohnen, die auswär- 
tigen Märkte auszuforschen u. s. w. In den verschiedenen Leinendistricten bildeten sich 
Filialcomitäs zur Unterstützung. Auf den Antrag des Centtalvereins setzte endlich im 
Jahre 1840 die Regierung eine Untersnchungscomrnission ein, um die Lage der Leinen- 
indnstrie in Belgien zu erörtern und die Mittel zu ihrer Erhaltung und Wiederbelebung 
aufzusuchen. Der im Jahre 1841 abgestattete Bericht dieser Cemmission bildete dann die 
Grundlage Gir die von der Regierung im Interesse der flßndrischen Weher- und Spinner- 
hevölkerrmg ergriiienen Massregel. 
Wir übergehen hier die verschiedenen, zur Abhilfe des Elends ergrißenen Mass- 
regeln, wie öEentliche Bauten, Unterstützung der Gemeinden zur Anleguug von Vicinal- 
wegen, Errichtung von Besserungshäusern für verwahrloste Kinder, Revision der Gesetz- 
gebung über Wohlthätigkeitsanstalten, welche momentane Erleichterung schuften, aber un- 
vermögend waren, die Wurzeln der unglücklichen Lage zu beseitigen. Leider wurde eine
	        

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