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Volltext: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe II (1867 / 19)

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ken nnd endlich der Darstellung wirklicher Thiere wichen. Diesen Ornamenten gesellten 
sich jedoch auch selbst solche zu, welche an altclassische sowie auch an christliche Vor. 
bilder erinnerten. Die Zeichnung ist stilisirt und mit ihr ging die Wahl der Farben 
Hand in Hand, welche nicht prächtig genug sein konnte. Die Seidenzucht war von China 
nach Syrien und Persien gekommen und wanderte, als die Araber diese Länder überdu- 
theten, nach Griechenland aus, deren Städte als Industriestädte für Seide eine neue 
Berühmtheit erlangten. Dann knüpften die siegreichen Araber die alten Verbindungen 
mit China wieder an, weckten die heimische Industrie zu neuem Leben und verbreiteten 
sie über die afrikanische Küste nach Sicilien und Spanien, welches im 11. und 12. Jahr- 
hundert wohl als das Hnuptland der Seidenfabrication betrachtet werden kann, bis die auf'- 
blühende christliche Seidenindustrie Italiens sie in den Hintergrund drängte. Die arabi- 
schen Fabriken lieferten glatte und gemusterte Stoffe, Samrnt und Atlas und Brocat, Stickerei 
und Besatz mit Gold, Edelsteinen und Perlen. Doch triEt die Ornamentation weder rnit jener 
der heutigen Orientalen, noch mit der Wanddecoration der Alhambra überein. Die Araber 
übernahmen vielmehr auch den byzantinisch-persischen Stil, bildeten denselben nun in 
ihrer Weise frei um und liassen allmälig das Pdanzen- und Rankenornament über die 
Thiergebilde vorherrschen und endlich diese ganz verdrängen. 
Die Prachtliebe des Mittelalters fand an den Seidenstotien grosses Gefallen, ohne 
an dem Ursprung der Gewänder Anstoss zu nehmen, nur blieb ihr Gebrauch auf die Rei- 
chen beschränkt, während der gewöhnliche Mann sich mit der einheimischen Wolle begnügte, 
wobei dem Farbensinn durch die Wahl verschiedener Farben für Ober- und Unterge- 
wänder Mäntel und Besatz entsprochen ward. 
Eine neue Periode der Seidenindustrie beginntTmit ihrer Verpiianzung von Sicilien 
auf das Festland von Italien, wo sie sich bald nach Norden hin ausbreitete (Lucca), und 
von dort über die Alpen nach Frankreich (Tours, Montpellier, Lyon) und den Niederlan- 
den (Brügge, Mecheln). Sie knüpfte an die arabische Seidenweberei und deren Muster an, 
nur erlitt der Stil eine Umbildung. Zuerst liess man die Thierbilder weg und gab ihnen 
symbolische Deutung, dann trat mit dem Aufblühen der bildenden Künste und dem Fort- 
schreiten der Technik die Vorliebe für tigiirliche Darstellungen der heiligen Geschichte 
hervor. Einen besonderen Aufschwung nimmt im XV. Jahrhundert die Seidenarabeske 
in den französischen und niederländischen Fabriken; sie vertheilt sich bald in schmaleren 
Flächen, bald in zierlichen Linien so über den Grund, dass der Stoff, aus gewisser Ent- 
fernung betrachtet, stets einen prachtvoll imponirenden Eindruck macht. Der grossartigen 
Zeichnung entspricht die Wahl satter kräftiger Farbentöne. Gern wird das Muster in 
Gold auf einem weisslichen, goldgelben oder dunkeln Grunde ausgeführt. Da man den 
orientalischen Goldfaden im Abendlande nicht nachzuahmen verstand, half man sich durch 
den um einen gelben Seidenfaden gewundenen vergoldeten Silberdraht. Höchst bemerkens- 
werth ist die grosse Verbreitung der Brocate im 14. und 15. Jahrhunderte, in welcher Zeit 
überhaupt die Seide schon viel allgemeiner getragen wurde. 
Die Stickerei erscheint nach ihrer Art stets im Charakter und in Entwicklung 
von der Malerei abhängig. Für ihre höchste Aufgabe eignete sich der Kreuzstich vermüge 
der mosaikartigen Zusammensetzung nicht, wohl aber für Ornamente in geraden Linien, 
für geometrisch-musivische Muster; das Malen war die Sache des Plattstiches, welcher 
die Fäden lang und kurz über die Fläche hinlegte, die Freiheit der Richtung dafür hatte 
und nach Bedürfniss mehr oder weniger Fäden einschieben konnte. Diese Technik wurde 
besonders zur Ausführung der Gesichter und Hände angewandt, während man sich Fir 
Herstellung der Gewänder häufig des Wobestiches bediente. Auch der Federsticb und der 
Flechtstich waren im Gebrauch. Die Stickerei des Mittelalters nahm ihren Ausgang von 
Byzanz, von dort kamen zur Zeit der Bilderstünnerei Sticker nach Italien. Klöster wur- 
den diesseits und jenseits der Alpen die Hauptpdegestätten dieser Kunstfertigkeit. Die 
ältesten noch vorhandenen Beispiele abendländischer Stickerei stammen aus dem Beginne 
des XI. Jahrhunderts, darunter der berühmte ungarische Krönungsmantel, welchen 
Königin Gisela 1031 mit eigener Hand angefertigt hatte; doch wird dieser von einem 
byzantinischen Werke aus dem XII. Jahrhunderte, der in St. Peter zu Rom befindlichen 
Kaiserdalmatica, im Stile und in der Technik übertroffen. Neben den Klöstern pflegten 
insbesondere die vornehmen Damen die Kunst der Stickerei, nicht weniger emsig war die 
Thätigkeit der Bur-gfrauen überhaupt, welche Gewänder, Wappenröcke und Helmdeckeu 
mit kunstreicheu Stickereien zu zieren hatten. - Vom 13. Jahrhundert an wurde die 
Stickerei mehr und mehr zunßgemäss. Hierdurch wurde zwar die Stickerei über den Di- 
lettantismus erhoben, führte aber auch zuAbirrungen in der Technik. Seitdem wurde diese 
Kunstin Italien weniger geübt. Dagegen blühte sie im Norden und Westen Europe's. 
Was namentlich in Burgund geleistet wurde, zeigen die sogenannten burgundischen 
Gewänder. Von da. an beginnt aber der Verfall. - Die Sucht, mit der Malerei 
auf deren eigenem Gebiete concurriren zu wollen und der Aufschwung llanderischer Fi- 
gurenweberei im lli. Jahrhunderte versetzte der Handarbeit den Todcsstoss.
	        

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