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Volltext: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe II (1867 / 23)

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haft künstlerischem Ductus der Hand so schön gezeichnet sind, dass sie den edelsten 
Arabesken der Renaissance nicht nuchstehen und. sie an Farbenwirkung iibertreßen. Alte, 
ergraute Kunstkeuner haben wir in Bewunderung vor diesen Stickereien gesehen, deren 
schönste, allerdings um hohen Preis, das neue Berliner Gewerbemuseum angekauft hat. 
Ganz ähnliche Arbeiten hat Persien ausgestellt, woraus man den Zusammenhang erkennt. 
Ihnen an Schönheit nahe kommend, aber von anderer Zeichnung sind die Stickereien auf 
den tscherkessischen Jacken in ihrem ganz ausserordentlich richtigen Arrangement, in der 
Beniitzung der gegebenen Formen für die Ornamentation, so wie nicht minder um der 
schönen Cemposition willen in ihrer Art nicht minder hewundernswiirdig. Sie lassen die 
gleichen Stickereien der Griechen und Albanesen weit hinter sich. 
Sehen wir hier überall die alte und direete nationale und lecale Tradition noch 
thitig, so glauben wir sie an anderer Stelle künstlich wieder aufgenommen. Es befindet 
sich nämlich in der Ausstellung der kaiserlichen Glasfebrik zu Petersburg eine Reihe von 
Geflssen, welche in ihrer Technik und Verzierung ganz xiuifallend an jene beiden orien- 
talischen Glasgetiisse aus der Kirche zu St. Stephan in Wien erinnern, welche durch ihre 
Ausstellung im österreichischen Museum, wo sie sich noch gegenwärtig heiinden, allgemeiner 
bekannt geworden sind. Diese Glasgeflisse gehören zu den grössten archäologischen Selten- 
heiten; eines, aber von jiingerexn Datum, besitzt die Ambraser Sammlung, zwei sehr schöne 
Exemplare betinden sich hier auf der Ausstellung im archäologischen Theil der ägyptischen 
Ahtheilung. 
Bei den erwähnten Petersburger Gefisseu sind dieselben eingebrannten Relieffarben, 
dieselben Goldornamente. Hat sich irgendwo auf den weiten Gebieten des russischen Reiches 
diese technische Ueberlieferung lebendig erhalten, oder ist es eine bewusste Wiederaufnahme 
und Wiedereriindung dieser Technik durch die kaiserliche Fabrik in Folge archäologischer 
Anregung? Fast möchten wir das Letztere glauben, denn wir sehen daneben unter Anderem 
auch zwei grosse Glasvasen von orientalischer Form (beide bereits vom Kensington-Mu seum 
angekauft), welche mit wundervollen Laub- und Blumenwindnngen, wie sie die persischen 
ldanuscripte des 16. Jahrhunderts zeigen, umgehen sind. 
Wenn das der Fall ist, so ist die russische Industrie damit auf dem rechten Wege. 
Heutzutage, wo der alte Geschmack der europäischen Cultur sinkt, kann sie in jeder Be- 
ziehung nichts besseres thun, als die nationalen Traditionen und die asiatischen Elements 
zu pflegen und, wo sie ausgestorben sind, wieder zu erwecken. Die nationalen Traditionen 
und die aaiatischen Elemente sagen wir, beides ist aber eigentlich dasselbe, beides ist asia- 
tisch, mohammedanisch-asiatisch; national nennen wir die Elemente nur da, wo sie längere 
Zeit schon im altrussischen Gebiet heimisch geworden sind. Nationale Kunstelemente-im 
slavisehen Sinne gibt es in Russland und wohl überhaupt nicht. Die Kunst in Russland 
ist asiatisch, byaautinisdi oder enroplisch. (Wiener Ztg.) 
Die Kunstindustrie Scsndinsviens. 
J. F. Die Abgeschlossenheit der scandinsvisebeu Halbinsel, die Isolirtheit ihrer Lege, 
welche die fluatuirenden Strömungen der Cultur südwärts voriiherzieheu liess, die Kälte 
und Rsnbigkeit des Kliuin's, die Unsugiinglichkeit vieler Gegenden, dies alles lässt ver- 
muthen, du: wir in der Kunstindustrie der Peninsxiln noch viele eigenthümliche, ju uralte 
Elemente sntnlfen werden. Andererseits sind diese Länder in ihrer bedeuteuderen Hälfte 
der allgemeinen Cnltur unterworfen werden und die Seestädte der Nord- und Ostsee, Lübeck 
sumnl, heben ihnen du Mittelnlter hindurch die Erzeugnisse der europäischen Kunst und 
Industrie bis tief in dns Innerste hinein und bis zu den untersten Schichten zugeführt, 
und sie bringen ihnen noch heute davon, wss die Schweden und Norweger mit selbststtndig 
geworden Handel sich nicht selber holen. 
So ist es in der Thnt gekommen. und so sieht man es auf der Ausstellung, dsss 
wohl kein Lsnd nuf der Welt so die Mischung moderner Cultur und alterthiinilicher Kunst- 
elemenle noch in der heutigen Industrie zeigt. wie Schweden und Norwegen. Jnhrhunderte, 
jn Jahrtausende sind hier, nicht suf Leibesläxige, sondern ganz unmittelbar an einander 
gerückt und friedlich vereinigt. 
Die schwedische Commission hat dieser eigenthümlichen Verbindung schon durch 
das Arrnngement Ausdruck verliehen. Ein Portal oder vielmehr eine F sende im elterthüm- 
liehen ureignsn Holzbau der schwedischen Gebirge schliesst den langen. schmslen Aus- 
schnitt der scsndinnvischen Ausstellung der Länge nach ab und dshinter breiten sich neben 
den Erzeugnissen der Volksindustrie nlle Erzeugnisse und Bedürfnisse der modernsten Ci- 
vilisstion aus. Noch unmittelbarer sher und schlsgender tritt die eigeuthümliche Vereinigung
	        

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