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Volltext: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe III (1868 / 28)

gnteu Theil richtig ist, aber es genügt für die Sicherheit dss Erfolges, dass die Spitzen der 
Kunstindustrie, welche sich auf der Weltausstellung zusammenünden, bereits mit solcher 
Energie die Bahn der Reform betreten haben. 
Wenn wir gesagt haben, dass der Gesammteindrnck ein harmonischer ist, so soll 
damit nicht gemeint sein, dass die Nachahmung eines bestimmten Styles vorherrschend sei 
und den Grundcharskter bezeichne. Gerade das ist nicht der Fall; wohl aber sind die ver- 
schiedenen klassischen Style gerade dort studirt und benützt worden, wo sie besonders Aus- 
gezeichnetes und Richtiges geleistet haben, dass man es eben nicht besser, nicht richtiger 
und reiner treffen kann. Diese Reinheit und Richtigkeit, die Harmonie der Formen und 
Verzierungen mit dem Zwecke oder der Idee, die Uebereinstimmung derselben mit dem 
Material. das ist, was allern wieder den Charakter der Gemeinsamkeit, des aus einem Geist 
Geschiedenen anfdrücht. So ist es gekommen, dass z. B. die englischen Gli-iser durchaus 
Formen zeigen, die auf dem Studium der antiken wie der Renaiasaucegeflisse beruhen, 
während die Teppiche, überhaupt alle Fliichenornarncntatiou, vor allem das Studium der 
orientalischen Decaration erkennen lassen, andere Gegenstände wieder sich an mittelalter- 
liche Weisa anlehnen, ohne sie eigentlich zu imitiren. 
Von dieser letzteren Art sind ganz besonders die geschmiedeten Eisenarbeiten, 
welche Hart and Son. Skidmore u. A. ausgestellt haben, interessant und lehrreich. Es sind 
Gitter, bekröneude Blumen, grössere und kleinere Geriithe, Schlösser und Thiirbeschllge 
u. s. w. Hier sieht man, wie die Gestaltung und Omamentation förmlich durch den Schlag 
des Hammers bedingt ist, und weil eben das die Eigenthümlichkeit der gothischen Eisen- 
arbeiten des Mittelalters ist, so ist die Uebereinstimmung wie von selbst gekommen und 
zugleich ist hiemit der Weg gefunden, wie man in der Wiedererweckung eines alten Kunst- 
styls originell bleiben kann und nicht als Sclave der Imitation verfüllt. Aehnliches lässt 
sich von den Messingarbeiten derselben Fabriken sagen, die, ebenfalls den mittelalterlichen 
Formen sich nähernd, ein ausgezeichnetes, stylvolles und zugleich billiges Kirchen- und 
I-lausgeriith abgeben. Es ist sogar norh in ausgedehnterer Weise, als es im Mittelalter 
Brauch war, Verzierung mit farbigem Ernail und Niello hinzugefügt. 
Wenn einer der englischen Kunstindustriezweige auf einem verständigen Principe 
beruht nnd eben dadurch sich glänzender künstlerischer Resultate rühmen kann, so ist es 
das Glas. Vor wenigen Jahren schützte man das englische Krystallglas nur um des Mate- 
rials willen, um dessentwegen es schon seit dem vorigen Jahrhundert berühmt war. Damit 
allein konnte es aber in der gegenwärtigen Geschmacksbewcgung nicht bestehen und es 
musste etwas geschehen, ihm eine künstlerische Grundlage zu geben, Anstatt aber wie die 
Böhmen sich auf gefärbtes Glas einzulassen oder wie die Venezianer auf das alte gsblasene 
Glas oder wie die Franzosen es porzellanartig zu bemalen, gründeten die Engländer die 
Omamentation auf die Eigenschaften, die im Krystallglas liegen, die prismatische Farben- 
brecbnng bei krystailiniscber Schleifung, auf seine Transparenz und den Reiz der einge- 
schlitfenen Ornamente, wie ihn die dichten Krystallgefiisse des 16. Jahrhunderts zeigen, 
und zugleich legten sie der Formenbildung die antiken und die Reuaisssncegeßsse zu 
Grunde. Indem sie nach jeder dieser Seiten hin das Höchste zu leisten trachteten, die 
höchste Eleganz der Form, die reinste und schönste Zeichnung der eingeschlißenen oder 
geätztien Verzierungen. seien sie nun ornamental oder figürlich, endlich das wundervollste 
wechselnde Farbenspiel erstrebten, haben sie einen lndustriezweig geschaffen, der von seiner 
ästhetischen Seite sich geradezu ideal hersusstellt, so in sich vollkommen fast, wie einst 
zu Athen die Fabrieation der Thongefässe. Und auch hier ist ein Fabrikant wie der andere, 
dass man nicht weiss, wem der Preis gebührt. 
Weniger entschieden tragen diesen Charakter der Reform die Porcelane und die 
übrigen Thongeßisse Englands. Eine wichtige Neuerung ist allerdings von England mit 
Entschiedenheit verfolgt, das ist die Aufnahme der Fayencen nach Art derjenigen des sechs- 
zehnteu Jahrhunderts. Wegen der Schwäche des Materials ist für die Praxis damit aller- 
dings kein grosser Vorthcil gewonnen, indessen ist der mattherzigen, glatten Eleganz des 
modernen Porcellans gegenüber doch durch diese Fayencen eine kräftige und mehr künst- 
lerische Farbenstimmung angeschlagen, die wenigstens tiir die Luxuskunstindustrie als ein 
Gewinn zu betrachten ist. Nach einer Seite hin wird die moderne Fayenceindnstrie auch 
für die Praxis nicht ohne Bedeutung bleiben, das ist in Bezug auf Wand und Fnssboden- 
verzierung durch Thonßiesen, die theils glasirt, theils unglasirt, theils farbig. theils einfach 
verziert sind. in Zeichnung und Farbe ist hier wiederum mit richtigem Geüihl der voll- 
kommen angemessene Weg betreten und bereits schöne Resultate erzielt, die an mittelal- 
terliche nud besonders mittelalterlich-orientalische Motive erinnern, ohne sie zu copiren. 
Was das Pnrcallan betriß, so haben die englischen Fabrikanten die kalt elegante Weise, 
welche das Porcellan im neunzehnten Jahrhundert angenommen hat, nicht verlassen, aber 
Hinten, Copeland und ihre Genossen bemühen sich wenigstens, diese Glltte und Eleganz 
welche dem bisherigen Modegcschmack und dem modernen Balonstyl so ausnehmend ent-
	        

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