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Volltext: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe III (1868 / 29)

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Zuerstwurde aus denlldaassverhältnissen lebender Männer undFrauen das 
Vorhandensein dreier Bildungstypen nachgewiesen. Da diese Typen in der Regel mit 
bestimmten Körperhöhen zusammentreden, so wurden sie als der Typus der kleinen und 
mittleren Statur und als der Typus des Huchwuchses unterschieden. Zusammengestellt 
ergaben sie als Regel, dass mit der Steigerung der gesammten Körperhöbe die untere 
Körperhälüe - als Grenze den oberen Symphysenrand angenommen - an Länge zunimmt 
und in Betrelf der inneren Gliederung, dass in der oberen Körperhälße die Kopfhöbe ab- 
nimmt, in der unteren aber der Unterschenkel den Oberschenkel um etwas iiberwächst. Es 
zeigte sich ferner, dass bei hohen Staturen der Querdnrchmesser der Hüfte etwas zugenom- 
men, der der Schulter dagegen um etwas abgenommen hat. Hochgewachsene sind daher in 
der Regel schenkellange Gestalten, welche säulenartig emporrageu, während kleine Leute 
auf kurzen Beinen einen nach unten verengten Rumpf tragen. Bei Staturen mittlerer 
Grössa findet sich, wenn man die Wurzel des männlichen Gliedes als Grenze nimmt, häufig 
genug ein Gleichmaass der oberen und unteren Körperhälße. 
Dabei darf aber der Einßuss der B eckenneigung auf das Verhliltniss der untern 
zur oberen Körperhälfte nicht übersehen werden. In dieser Beziehung gilt wieder als Riegel, 
dass eine starke Beckenneigung den Rumpf verlängert, eine geringe dagegen die Beine 
streckt. 
Aus dem Tahleau antiker Männergestalten liess sich gleich ersehen, dass von 
den drei natürlichen Gestaltungstypen meist nur der Mittel- und Hochwuchs Gegenstand 
der Nachahmung waren. Bei genauerer Durchsicht der Werke liessen sich aber noch 
andere unterscheidende Kennzeichen auffinden. 
Der Mittelwuchs zeigt sich nämlich in zwei Formen durchgebildst, deren Unter- 
schiede sich auf die horizontale Gliederung gründen. Bei einer Reihe von hieher gehörigen 
Figuren ist nämlich die Schulterhreite mindestens gleich der doppelten Hiiftbreite, mit- 
unter sogar darüber vergrössert, manchmal aber auch unter diesem Maass gehalten. Der 
Mittelwuchs ist daher bald in breiten, bald in schlanken Formen dargestellt worden. 
Der Hochwuchs ist ebenfalls wieder bald in maassvoller Steigerung der unteren Glied- 
massen angelegt, bald aber auch bis zum Uebernatiirlichen fortgeführt und was wichüg 
zu sein scheint, sehr ungleich in Betreff der inneren Gliederung der Beine ins Werk ge- 
setzt. Bald ist nämlich der Unterschenkel gleich lang mit dem Oberschenkel, bald ist er 
länger. mit einer Differenz, welche nur selten dem Natürlichen sich nähert, meistens aber 
grösser ist und sogar den sechsten Theil der ganzen Oberschenkellänge erreicht. 
Im Ganzen lassen sich daher aus den Antiken zwei Formtypen und an jedem 
derselben wieder zwei Varianten bcrausheben: der Typus des Mittelwuchses - breit 
oder schlank - und der Typus des Hochwuchses - mit Gleichmaass in Ober- und Unter- 
schenkel oder mit Ueberwiegen des Unterschenkels. 
Als Beispiele für diese Formationstypcn wurden genannt: für den Typus des Mittel- 
wuchses mit mächtiger Schulterbreite die alten Apollogestalten von Tenea und Therea, der 
sogenannte marathonische Krieger des Aristokles, an welchem trotz der Proülstellung die 
grosse Schulterhreite deutlich genug wahrnehmbar ist. Auch die Aeginetcn, obwohl laug- 
beiniger, zeichnen sich durch die grosse Schulterhreite aus. 
Etwas maassvoller in der Schulter, immer aber noch in natürlichem Mittelwnchs 
aufgebaut, sind der Myronhche Discuswerfer und die Gestalten der Metopen des Parthenon; 
selbst der Thesen: (Herakles) des Giehels kann hier noch angeschlossen werden. 
Der entschieden schlanke Mittelwuchs findet sich an den Werken des Polyklet. 
In den Formen des Hochwuchses, jedoch mit gleich langem Ober- und Unterschen- 
kel sind gearbeitet der Apoxyornenos und die männlichen Gestalten der Niobidengruppe; 
der erstere ist aber gleich in einem solchen Uebermaass der unteren Körperhilfte aufgebaut, 
dass die Dißerenz derselben mit dem Oberkörper nahezu die Kopfhöhe betrügt. Mässig 
lange Beine und Gleichmaass der Ober- und Unterschenkel zeigen die Aegineten und so 
weit gute Abbildungen das Verhiiltniss noch beurtheilen lassen, auch der Apollo Saurok- 
tonos und der capitolinische Satyr. 
Durchbildung des l-Iochwuchses mit bedeutend verlängertem Unterschenkel findet 
sich an dem Gallier der Gruppe, auch am borghesischen Fechter, ganz entschieden am pythi- 
scben Apollo, Antinous, Meleager. 
Aus dem Gesagten ist ersichtlich, dass, wenn die genannten Figuren nach ihrem 
Gestaltungsverhiiltniss rangirt werden, wieder eine Reihe zu Stande kommt, innerhalb wel- 
cher sich eine allmälig immer mehr und mehr gesteigerte Erhebung der Gestalt und eine 
bis zum Excess fortschreitende Durchbildung der Eigenthiimlichkeiten des Hochwucbses 
bemerkbar macht. 
Merkwürdiger Weise aber zeigt sich auch, dass nahezu dieselbe Reihenfolge zu 
Stanlde kömmt, wenn die genannten Figuren nach der Zeit ihrer Anfertigung geordnet 
wer en.
	        

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