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Volltext: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe III (1868 / 33)

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Von Arbeiten gothischen Styles, deren Nachbildung bisher möglich 
war, heben wir aus dem Verzeichnisse zwei hervor: einen zierlichen 
kleinen LederkoEer mit vergoldeten Silherheschlägen (N. 14) und eine 
grosse Kanne (Nr. 45), ein schönes Tischgeräthe aus dem Ende des 
15. Jahrhunderts. Die Kanne ist in ihrem Aufbaue noch völlig gothisch, 
energisch und geschmackvoll sowohl in der Contour des Gefasses selbst, 
als auch namentlich in der Bildung des Henkels und des Wappenhälters 
an der Spitze des Deckels. Als Henkel dient eine phantastische Dra- 
chenfigur, in ihrer stylvollen Conception ebenbürtig den besten Beispielen 
der ungeherdigen Wasserspeier, die wir an gothischen Domen ünden. 
Der im Charnier bewegliche Deckel ist als Thurm mit vergitterten 
Fenstern aufgefasst, auf dem ein grün bemaltes zottiges Männchen, ein 
„wilder Wsldschrat", wie ihn jene Zeit nannte, mit der gehobenen Keule 
in der einen und dem Wappenschilde in der andern Hand, Wache hält. 
Eine grosse Schüssel von getriebener Arbeit (Nr. 41), mit überaus 
figurenreichen Darstellungen aus der biblischen und Heiligen-Geschichte, 
erscheint in der Zeichnung und Behandlung des üguralen Theiles noch 
in der Kunstweise des 15. Jahrhunderts, während die darauf befindlichen 
ornamentalen Renaissanceformen und auch einzelne Costiime-Eigenthüm- 
lichkeiten entschieden auf eine spätere Zeit deuten. Die von competenter 
Seite ausgesprochene Meinung, dass dieses interessante, noch durch keine 
Abbildung oder Beschreibung bekannte Werk portugiesischen Ur- 
sprungs sei, hat guten Grund, denn auf portugiesischen Goldschmiede- 
arbeiten des l6. Jahrhunderts finden wir dieselbe Häufung und arcbaistische 
Formengebung der Figuren neben den aus Italien und Deutschland her- 
übergekommenen ausgebildeten Renaissanceformen. Auf der portugie- 
sischen Abtheilung der "Histoire du travail" der Pariser Ausstellung war 
mehrfach Aehnliches zu sehen. 
Einen grossen Reichthum von vortrefflichen Werken der Renaissance 
des 16. Jahrhunderts zählt unser Verzeichniss auf, die zusammen schon 
jetzt eine ganz bedeutende Repräsentation der Goldschmiedekunst jener 
Blüthezeit bilden. Als das dem räumlichen Umfange nach bedeutendste 
Stück nennen wir vor Allem den unter der Bezeichnung „Landschaden- 
bund" bekannten Prachtpocal (Nr.  Er ist eine Augsburger Arbeit 
aus der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts und ist durch seinen schönen 
Aufbau und seine Verhältnisse, den überreichen Zierrath, namentlich aber 
durch eine kolossale Grösse (104 Centim.) ein Stück, das kaum seines 
Gleichen hat. Ucber die Herkunft des Originales und die Geschichte, 
die es zweifelsohne hat, ist nichts bekannt, kaum etwas darüber, wieso 
der Pccal zu dem Namen „Landschad_enbund" gekommen ist. Der „Land- 
schaden" war eine Art gegenseitiger Versicherungsgesellschaft in Steier- 
mark und man könnte glauben, dass unser Pocal gemeinsames Eigenthum 
der Mitglieder dieses Vereine-s und vielleicht eine Art Symbol ihrer Zu-
	        

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