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Volltext: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe III (1868 / 34)

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Gebote, als die Sammlungen des iisterr. Museums schon gegenwärtig sind. Ueber diesen 
Punkt kann die Kammer vollkommen beruhigt sein. 
Was den zweiten Punkt betriift, nlimlich die Einführung selbständiger 
Zeicbenschulen für Handwerker und Gesellen speciell, so halte ich es 
allerdings für nothwendig und nützlich, dass solche selbständige Zeichenschulen für Ar- 
beiter nach dem Muster der ecole imperial speciale de dessin et de matbematiques pour 
Papplication des beaux-arts a l'industrie errichtet werden. Ich würde glauben, dass für 
Wien vier solche Zeichenschulen mehr als vollständig ausreichen, und zwar eine iiir die 
innere Stadt, eine für die Wieden, eine für die Leopoldstadt und eine für Schottenfeld, 
Gumpendorf und Neubau. Durch die Errichtung solcher Schulen würde erstens ein zweck- 
miissiger Abduss von den Realschulen, die im Ganzen überfüllt sind, gebildet werden; 
es würden zweitens die Bedürfnisse entsprechender Kreise der Industrie vollkommen ge- 
deckt werden und es würden endlich drittens diese Schulen in ganz zweckmässiger Weise 
zugleich Vorbereitungsschulen für die höhere Kunstgewerbeschule des Museums sein, 
welche dann aus diesen Schülern diejenigen nehmen sollte, die durch Streben und Fähig- 
keit sich besonders auszeichnen. 
Die Hauptgrundslitze einer solchen Schule könnten wohl der Hauptsache nach die- 
selben sein wie die französischen. Es dürfte erstens die Aufnahme in diese Schule an 
keine weitere Bedingung geknüpft sein als' die, Lesen und Schreiben zu können; zweitens 
es müsste in dieser Schule ausschliesslich gar nichts Anderes gelehrt werden, als Zeich- 
nen, Modelliren und gewisse Elemente der Architektur; drittens müsste principiell jeder 
anderweitige Unterricht, jede Ueberbiirdung mit anderen Gegenständen ausgeschlossen sein, 
dagegen analog der französischen eine strenge Dlsciplin eingeführt werden; viertens der 
Unterricht wäre nicht unentgeltlich zu ertbeilen, sondern gegen Schulgeld, die Kosten der 
Schule wiiren durch Beiträge der Commune und des Landes zu tragen. Sollte die Han- 
delskammer im Principe einverstanden sein , ähnliche Schulen in Wien zu errichten, so 
bin ich sehr gerne bereit, ein vollständiges ?rogramm auszuarbeiten und 
den Aufsichtsratb der Kunstgewerbeschule einzuladen, dieses Programm mit Zu- 
grundelegung des frazösischen sodann der Handelskammer vorzulegen. 
Nebst diesem müsste etwas geschehen für die Bedürfnisse einz einer Gewerbe; 
da könnte in dem Augenblicke schon sehr viel geholfen werden, wenn Specialschulen, 
welche bisher bestanden, theils nber unvollkommen sind, tbeils keine Subvention haben, 
oder unter keiner rechten Aufsicht sind, wenn die unvollkommenen vervnllkommt, die, 
welche keine Subvention heben, mit einer solchen unterstützt und siinuntlich unter eine 
geregelte Aufsicht gestellt werden. 
In die Reihe dieser Schulen gehört in erster Linie die Schule für Weberei in 
Gunipendorf. Sie ist, wie leider auch die andern Gewerbeschuleu, an Realschuleu an- 
gelehnt, und gedeiht deswegen schon nicht recht. Diese Schule bedarf einer gründlichen 
Reform; sie ist jetzt nur ein Schatten von dem, was sie sein sollte; wenn man bedenkt, 
dass die Weber und Bandmacher einen Stand von 1000 Gesellen beiläufig haben, und 
wenn man weiss, wie wenige von diesen Gesellen die Schule für Weberei besuchen und 
besuchen können, und wie unvollkommen die Schule organisirt ist, um einer grösseren 
Zahl von Gesellen Autheil zu geben, so liegt es in erster Linie im Interesse der Handels- 
kammer, dieser Schule, an der gute Lehrer wirken, unter die Arme zu greifen. 
Für Baugewerbe existiren hier in Wien mehrere ganz lllchtige Schulen, wie die 
in der Leopoldstadt, die des Herrn Miirtens. Diese Schulen bedürfen weniger einer 
Reorganisation als einer intelligenten Subvention. Ebenso ist die Schule für Kunsttischler 
des Herrn Ludwig eine ganz gute Schule. 
Für den Augenblick scheint es nun nicht nöthig, weitere Specialschulen 
zu errichten, wohl aber den Gang dieser Schulen sorgfältiger zu beaufsichtigen und intel- 
ligenter zu unterstützen, als dies bisher der Fall gewesen ist. Die Schule für We- 
berei hingegen muss, um den Bedürfnissen des Gesellenstandes für Band- 
und Seidenweberei u. s_ f. zn genügen, gänzlich umgestaltet werden. 
Was nun den Zeichenunterricbt für Volksschulen betrilft, so befinden 
wir uns in Oesterreich noch auf den ersten Stufen desselben. Die Frage des Zeichenun- 
terrichtes für Volksschulen ist aber eine der schwierigsten und überall, wo dieselbe venti- 
lirt wurde, hat man diese Schwierigkeiten vollständig gewürdigt. Es sind drei Punkte, die 
insbesondere den Gegenstand delicat machen, nämlich: erstens Lehrer zu finden, 
welche für die Zwecke des Zeichenunterrichtes genug gebildet sind; zweitens Methoden 
zu finden, welche sich beim Zeichenunterrichte für Volksschulen empfehlen lassen, und 
drittens den Zeichennnterricbt in Volksschulen so zu regeln, dass er sich in ein 
wohl geordnetes System der Volksschulen gehörig einreiht. 
Ich weiss nicht, oh die Kammer der Ansicht ist, dass es gegenwärtig schon an der 
Zeit sei, die Frage des Zeichenunterricbtes in Volksschulen in Ervriigung zu ziehen. Ich
	        

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