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Volltext: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe III (1868 / 36)

striellen Standpunkt aus, von dem wir einzig reden - ein keineswegs ungünstiger wsr. 
Die Ursache lgg theilweise wirklich in der Treiflichkeit, dem hohen Interesse, in der 
Massenvrirkung oder in der Eigenthiimlichkeit der Gegenstände, andererseits aber auch in 
einem durchaus nicht misslungenen Arrangement, das im Grossen und Ganzen seinen 
Zweck erfüllte und nach seiner Vollendung jene harten Urtheile nicht verdiente, welche 
die wilde Unruhe des ersten Monats, da noch Alles im Werden war, hervorgerufen hatte. 
Man brauchte nur einen Vergleich mit den benachbarten Abtheilungen, zumal mit denen 
von Nord- und Süd-Deutschland anzustellen, um hierüber jeden Zweifel schwinden zu 
lassen, und unseres Wissens hat sich auch das allgemeine Urtheil, selbst derer, die Rivalen 
waren und Neider hätten sein sollen, dahin festgestellt. Wir waren oft genug Zeugen 
solcher Aousserungen der Anerkennung von der unbefangensten Art. 
im Einzelnen hätten wir freilich Manches anders, Manches besser und vortheil- 
hafter placirt, Manches günstiger vor die Augen gestellt gewünscht. Zu diesem gehören 
die nationalen Elemente der Kunstindusn-ie, die Oesterreich gerade so gut besitzt wie 
Russland wie Spanien, Griechenland und andere Llinder. Wir meinen hier insbesondere 
aus den südlichen und östlichen Gegenden die gestickten Gewünder, die Röcke von dicker 
Wolle mit ihrer reichen Verzierung. wie die Leinwaudhemden, Schürzen etc. mit ihren 
farbigen Stickereien in alten originalen Mustern und ebenso die mannigfachen Thongsfässe 
aus dem Velksgebrauche mit antiken oder orientalischen Formen, sodann mancherlei Ar- 
beiten in Leder und Metall, und endlich jene buutfarbigen, eßectvollen Wolldccken aus 
den südlichen Donau-Provinzen, eine Weberei des Hauses und fir das Baus, mit ihrer 
einfachen und doch so reichen und angemessenen Ornamentation. 
Anderswo, zumal in der russischen Abtheilung und selbst in der rumänischen, gut 
arrangirt und vor das Auge gestellt, haben sie die Aufmerksamkeit der Kenner und Kunst- 
freunde auf sich gezogen, schnellen Absatz gefunden und selbst die robesten Thongeflsse, 
die der ungehildetsten Volksband entsprungen und mit den nnsichersuen ornsmentalen Li- 
nien umzogen waren, trugen im Moment ihr „Vendrü und die Namen berühmter Männer 
und selbst von Museen als Käufer angehängt. Wir haben nicht gesehen, dass diese Ehre 
den zerstreut aufgehängten und aufgestellten Arbeiten aus Oesterrsich, die an sich nicht 
minderes Interesse boten, vielfach zu Theil geworden sei. Das fremde Interesse hätte 
vielleicht dazu beigetragen, auch die heimische Aufmerksamkeit mehr auf diese Gegen- 
stände zu lenken, die eine Fülle schöner und originaler Ornamente und interessanter 
Formen in sich tragen. Und heutzutage, wo man auf der Jagd nach Ornamenten und 
Mustern ist, wu gerade die originalen. selbst fremdartigen Muster in Mode kommen und 
bald kaum mit Gold zu bezahlen sein werden, ist eine solche Quelle eine grosse Sache. 
Erscheint diese interessante Seite der österreichischen Kunstindustrie ein wenig 
vernachlässigt, so stellt sich die andere, die moderne, welche mit der (Zivilisation Schritt 
hält, in mancher Beziehung sehr vortheilhaft dar. Es wßre ungerecht. hier. was die Aus- 
dehnung, die Kolossalität der Leistungen und die Höhe ihrer Preise betridt, einen Ver- 
gleich mit Frankreich ziehen zu wollen; in dieser Beziehung hat Frankreich den Jahr- 
hunderte alteu Weltabsatz, die angesammelten Capitalien und eine Bevölkerung voraus, 
welche die hier in Rede stehenden Dinge besser schützt und höher zu zahlen geneigt ist. 
Der richtige Standpunkt der Beurtheilung, für uns wenigstens, ist allein der künstlerische 
Wertb der Arbeiten im Vergleich zu dem, was die Absicht war und was das Vermögen 
des Landes und der Bevölkerung erfordert. Die Ausstellung der modernen österreichischen 
Kunstinduatrie trägt nicht den Charakter, als sei sie fiir den höchsten Beichthnm der 
Welt geschaffen, sie wendet sich vielmehr an die vermögenden und gebildeten Mittelclassen; 
von diesem Standpunkt aus betrachtet, haben wir viel Gutes anzuerkennen, neben dem 
Guten sehen wir aber auch vollkommen Misslungenes und Verkehrtes. 
Wenn man die österreichische Ausstellung mit derjenigen der nächsten Nachbar- 
staaten und Rivalen, mit den Zollvereinsländem, mit der Schweiz, Belgien etc. vergleicht, 
so springt Eines klar in das Auge. Wir sehen ein frisches, originelles und Hodnung er- 
weckendes Leben, wenn nicht strömen, doch quellen. Das Beste, was wir geleistet haben, 
ist unser eigen in Erfindung oder Richtung und ist unabhängig vom französischen Ge- 
schmack, dem die genannten Nachbarstaaten sich zumeist auf Gnade und Ungnade er- 
geben haben; ja es stellt sich wohl selbst dem französischen Geschmack mit bewusster 
Absicht entgegen und schlieast sich, obwohl ganz selbständig, jener reformatorischen Rich- 
tung an, welche von England ausgegangen ist, gestützt auf das österreichische Museum, 
wie die englische Reform ihren Grund und Halt im South-Kensington-Museum besitzt. 
Zufälliger Weise treten diese guten und lobenswerthen Leistungen eo vor, dass sie 
fast den Charakter der Anstellung bedingen, und darum erscheint diese theilweise besser 
als die Industrie selber eigentlich ist, denn in der That stehen diejenigen Fabrikanten und 
Künstler, welche mit Entschiedenheit den neuen und künstlerischen Weg betreten hlbell, 
in der Menge noch vereinzelt da. Man kann sie leicht übersehen und nennen. Anderer-
	        

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