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Volltext: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe IV (1868 / 38)

Die Reichenberger Industrie (im engsten Sinne des Wortes) ist keine Kunstindustrie, 
sondern Tuchindustrie. Dieser Industrie unter die Arme zu greifen, liegt nicht in der Auf- 
gabe und Macht des österreichischen Museums. Einen wesentlichen Vortheil wird das 
Museum nur der Schule für Weberei in Reichenberg bieten können, die von Herrn 
Kafk a vortrelflich geleitet wird, und welcher Zusendung von Werken, Mustervorlageu etc. 
in höherem Grade erwünscht ist. 
Anders aber verhält es sich mit der Industrie des Beichenberger Kammerbezirkes. 
Dieser allerdings, besonders einigen Zweigen derselben, ist die directe Unterstützung des 
Museums ein wesentliches Bediirfniss. In erster Linie kommen dabei in Betracht: 
a) Die Gablonzer und Liebenauer Glas- und Quincaillerie-Industrie; 
b) die Glas-Industrie in Steinschönau, Haida, Neuwelt; 
a) die Thon-Industrie, die auf dem ganzen Gebiete zerstreut ist. 
Die Gablonzer Quincailleris- Industrie hat im vergangenen Jahre enorme Geschiide 
gemacht , sich auf der ganzen Welt einen Markt geschaffen. Gablonzer Waaren gehen gegen- 
wärtig nach Indien und Australien. Der grosse Gewinn dieses Industriezweiges ist grossentheils 
von der Mode abhängig und vielfachen Schwankungen unterworfen; darum muss diese In- 
dustrie, soll sie sich dauernd auf solcherHiihe erhalten, nicht blos der Mode folgen, sondern auch 
Modeartikel anregen können. Die intelligentesten Industriellen dieses Kammerbezirkes ziehen 
gegenwärtig die Frage ernstlich in Erwägung, auf welche Weise die hervorragende Stel- 
lung, die die Quincaillerie-Industrie einnimmt, behauptet werden könne; sie haben des- 
wegen au den böhmischen Landtag das Ersuchen gestellt, in Gablonz selbst eine Zeich- 
nenschule zu gründen in Verbindung mit einem Unterrichts in der Chemie. Der böhmi- 
sche Landtag ist vorläufig auf diesen Antrag nicht eingegangen. Es ist zu bedauern, dass 
diese Frage, welche mit der volkswirthschaftlichen Wohlfahrt Böhmens in so engem Zu- 
samrnenhange steht, im böhmischen Landtage nicht reiflicher untersucht wurde; denn nicht 
blos die Pariser Fabrikanten, viel nähere Concurrenten, insbesondere die Olienbacher, 
welche eine Kunstgewerkschule vorzugsweise iiir die Zwecke dieser Industrie im verflossenen 
Jahre errichtet haben, machen fort und fort Anstrengungen, diese Industrie von Deutsch- 
Böhmen weg nach dem Rhein und nach Frankreich zu ziehen. Es ist allerdings richtig, 
dass in erster Linie die Industriellen selbst in jenen Gegenden die Mittel und Wege dar- 
bieten miissten, um eine solche Schule zu gründen. Insbesondere wäre es ihre Sache, den 
Chemiker zu bestellen und das chemische Laboratorium, welches ihre eigensten Zwecke 
zu fördern hätte, gehörig zu dotiren. Mit der Zeichnenschule ist dies anders. Die Erfah- 
rungen in England und Frankreich haben gelehrt, dass, wo es sich darum handelt, eine 
Specialschule der Kunstindustrie zu fördern, diese Specialschnlen mit den Museen in di- 
recte Verbindung gesetzt werden müssen, damit sie nicht geistig vereinsamen und an den 
grossen Bewegungen des heutigen Geschmacks theilzunahmen in der Lage sind. 
Die Zeichnenschule in Gablonz miisste eine doppelte Aufgabe haben: sie müsste 
erstens den Arbeitern, Werktiihrern u. s. f. Gelegenheit geben, sich im Zeichnen zu iiben, 
regelmässig in den Abendstunden und dann auch in den Tagesstnnden, wenn weniger 
Arbeit vorhanden ist; ferner aber müssten zweitens diese Schulen so geleitet werden, dass 
der Leiter auch im Stande wäre, fiir die betreifenden Fabrikanten Musterzeichnungen und 
Entwürfe zu machen, welche den sehr verschiedenen und rasch wechselnden Anforderun- 
gen entsprechen, die an die Gablonzer Industrie herantreten. Wenn gegenwärtig von den 
Corrsspondenten der Industrie in den weitesten Welttheilen irgend eine Anforderung ge- 
macht wird nach einem neuen Schmuck oder Luxusartikel, so sind die Gablonzer gänzlich 
rathlos, da sie Niemanden in der Nähe haben, an den sie sich in solchen heiklichen Au- 
gelegenheiten wenden könnten. 
Gegenwärtig supplirt das österreichische Museum gewissennassen die Stelle einer 
Schule; es circuliren in dem Augenblicke fort und fort industrielle Werke und Vorlagen 
aus der Bibliothek des Museums, die von Fabrik zu Fabrik gehen und meist Vor- 
lagen fiir Schmucksachen enthalten. Wie nachhaltig aber wiirde sich der Einfluss des 
Museums gestalten, wenn sich in Gablonz ein Zeichnenlebrer befände, der im Museum 
gebildet, mit demselben direet in Verbindung treten würde. In Reichenberg sind Viele, 
welche glauben, dass es besser sein wiirde, eine solche Schule in Reichenberg selbst zu 
errichten. Allein dies muss als ein grosser Fehler bezeichnet werden; denn in 
jenen Gegenden, wo eine Hausindustrie vorhanden ist - und um Gablonz ist sie sehr 
bedeutend - muss die Schule im Ceutrum derselben errichtet werden. Jedes Verlegen 
einer solllchen Schule von dem Gebiete der Haueindustrie weg ist ein unberechenbarer 
Nachthe' . 
Die Glasindustrie in Steinschönau, Heyda, Neuwelt n, s. f. verdient die griisste 
Aufmerksamkeit. Es ist eine bekannte Thatsache, dass diese Industrie von Tag zu Tag 
eine viel schwerere Concnrrenz zu ertragen hat. Es treten vier neue Concurrenten auf dem 
Weltmarkte auf, die in aller Art von Glaswaaren arbeiten, und zwar die Engländer, Fran-
	        

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