MAK

Volltext: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe IV (1868 / 38)

zusen, die Russen und die Glasfabrikeu von Preussisch-Schlesien. Ueber die Gründe, warum 
England und Frankreich im Glaswaareuhandel doriren, ist wenig Neues zu sagen. 
Die Engländer arbeiten theilweise mit böhmischen Arbeitern, haben aber bedeutend bessere 
Zeichner, bessere Specialschulen, sie werden in nächster Zeit jeder Art von böhmischem 
Glas eine schwere Coucurreuz bereiten. Die Concurrenz der französischen Glaswaaren ist 
fiir den Augenblick nicht so gefährlich, wie die der englischen, welchen auch ein vor- 
tredlicher Seeverkehr zur Seite steht, aber sie wird es nach den Resultaten der Pariser 
Ausstellung unzweifelhzß werden. Die Fortschritte der russischen Kunst, speciell der Glas- 
industrie, sind nicht gering anzuschlagen. Nordamerika und Russland haben iu den letzten 
Jahrzehnten die grössten Fortschritte gemacht, die Fortschritte Russlands speciell bedro- 
hen Oesterreich ganz direct. Am meisten betriibend aber für den österreichischen Beob- 
achter sind die Fortschritte iu Preußisch-Schlesien. Wenige Stunden von der Harrach'schen 
Glasfabrik zu Neuwelt, hart au der Grenze Böhmens, hat sich in Josephineuhiitte eine 
 Schafgottschäche Glasfabrik etahlirt, die rapide Fortschritte macht. Ihr Glas als 
solches hat alle Qualitäten des böhmischen Glases, sie hat dieselben Arbeitskräfte, aber 
eine ganz vortredliche Fabriksschule und eine ganz intelligente Leitung. 
Bei der gegenwärtigen Lage der Dinge ist es als ein wahres Glück zu betrachten, 
dass Wien in Herrn Lob meyr einen intelligenten Fabrikanten besitzt, der auf der 
Höhe der Geschmacksbildung der gegenwärtigen Zeit steht und den Glasfabrikanten grosle 
Impulse zu geben im Stande ist. Aber wie traurig sieht es sonst aus. Bei dieser Gelegen- 
heit möge an ein vortretfliches Wort des Präsidenten der Prager Handelskammer erinnert 
werden, welcher sagte: „In unserer Industrie ist es gerade so wie in unserer Armee: die 
Soldaten sind brav, aber die Generale sind schlecht." Mit den österreichischen Arbeiten 
lässt sich alles machen, aber die Leiter der Industrie verstehen selten die Arbeiter im 
grossen Styl zu dirigiren. Dieselbe Erfahrung hat sich im österr. Museum gezeigt, dass 
die höhere Ausbildung der Fabriksherren noch viel wichtiger ist, als die der Arbeiter. ' 
Was die Schule fiir Glasfabrication betrißt, welche sich in Steinschiinau befindet, 
so wird sie von Herrn D wo raöek vortreiflich geleitet. Es war ein vorzüglicher Gedanke 
des Schulraths Mar es ch - denn von einem Geistlichen, nicht von Industriellen ist diese 
Schule errichtet worden - in dem Sitze der Hausindustrie der Glasfabrication eine Spe- 
cialschule zu gründen. Aber die Schule wird vom Lande Böhmen schlecht dotirt; sie wird 
von: den Industriellen wenig gefördert und hat unzureichende Lehrmittel. Seit dem Be- 
stehen des österreichischen Museums senden wir fort und fort. Lehrbücher und Zeichnun- 
gen an die Schule, weil für sie der Fond für Lehrmittel fehlt. Schon längst wäre es aber 
nöthig gewesen, auch einen Modelleur dort anzustellen, denn es ist bekannt, dass in jener 
Gegend eine sehr starke Industrie sich befindet. 
Die Tllonindustrie des Reichenberger Kammerbezirkes ist bei Weitem nicht so ent- 
wickelt, als es wiinschenswerth wäre. Die meisten Anstrengungen haben in der letzten 
Zeit und zwar mit gutem Erfolge die Siderolitfsbriken in Tetschen gemacht, die vorzugs- 
weise in ganz ordinäre: Waare und zu sehr billigen Preisen arbeiten. Es hätte der Kam- 
merbezirk alle Elemente in sich und es sind sehr geschickte Töpfner in Böhmisch-Leipa 
und anderen Orten, um der Thonindustrie einen höheren Aufschwung zu geben und zwar 
insbesondere der Fabrication der Oefen, der Krüge und Geschirre zum gewiihnlichsteu 
Gebrauch. Von diesem Gesichtspunkte aus wurden vom österr. Museum eine Reihe von 
französischen und englischen modernen Thonwaaren zur Ausstellung geschickt. Es ist aber 
sehr zu zweifeln, ob dieser erste Versuch einen nachhaltigen Erfolg haben wird. Die 
Zweifel begründen sich auf folgende Wahrnehmungen: 
Die Reicheuherger Handelskammer vertritt in erster Linie die Grossindustrie. Ihr 
Kammerbezirk ist ausserordentlich ausgedehnt und die Einflussnahme der Handelskammer 
auf die kleinen Gewerbe relativ geringer. 
Die Tuchmacher-Innung ist der Träger der eigentlichen Intelligenz, von ihr wurde 
auch die vortrefflich gute Webereischule gegründet. 
Eine nicht geringe Intelligenz entwickeln die Arbeitervereinu von Gablonz-Liebenau 
u. s. f. und diejenige Persönlichkeit, welche am meisten und im besten Sinne in diesen 
Kreisen Einduss nimmt, ist Dr. Herzig. Mitredacteur der Reichenberger Zeitung, der 
während seiner früheren Beschäftigung, wo er Miteigenthümer der Her zig'schea Tuch- 
fabrik war, Gelegenheit hatte, die Arbeiter-Verhältnisse genau kennen zu lernen. 
Die Schulen des Kammubezirkes lassen ausserordentlich viel zu wünschen übrig. 
Sie mögen an und für sich nach einer andern Seite hin ganz vortheilhatt wirken, aber 
der Industrie geben sie eine sehr geringe Hilfe. Am meisten hervorzuheben sind, wie be- 
reits erwähnt, die Webereischule in Reichenberg und die Schule fiir Glasraßnerie des Hru. 
Dworaöek in Steinschönau. Aber was sind zwei solche Schulen, und eine davon ist 
noch ungenügend dotirt, fiir die grossen Bedürfnisse einer Industrie, wie es die des Reichen- 
herger Bezirks ist. In Reichenberg selbst ist die Lage der Schule eine sehr traurige; die
	        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzerin, sehr geehrter Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.