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Volltext: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe III (1867 / 27)

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als möglich der Natur nachznbilden, als käme es darauf an ein Gemälde herzustellen, das 
Auge so zu täuschen, dass man den Teppich, den Bhawl, das Messgewand oder Bzllkleid 
mit lnbendigen Bliithen und Banken geschmückt wähne. auf der anderen entlehnt man, 
dem Beispiele des Orients, der Renaissance etc. folgend, der Plianze nur das Motiv, wel- 
ches mit künstlerischer Phantasie und Freiheit umgestaltet und verwendet werden darf. 
Unter den Orientalen nun sind es die lndier, welche sich am strengsten nach dieser 
Kunstweise richten und zugleich den meisten Schönheitssinn, den grössten Reichtbum, die 
grösste Freiheit der Phantasie damit verbinden, während die Perser sich am meisten der 
naturalistischen Ornarnentation nähern. Diesen Theil der indischen Ausstellung bezeich- 
nete der Redner als den Poetenwinkel des grossen Bazars; mit den decorativen und co1o- 
ristischen Reizen der Kleiderstolie, Teppiche und Decken habe sich nichts vergleichen 
lassen. Wer die bescheidene, warme, wahlthuende Wirkung suchte, wer Pracht und Glanz 
verlangte, wer ein schönes, schwungvoll gezeichnetes Ornament liebt, fand reiche Befrie- 
digung an den Shawls von Kaschmir, deren Grund fast gänzlich mit Verzierungen bedeckt 
und auf denen die einzelnen Farben so in kleine Flächen zertbeilt sind, dass sia in rich- 
tiger Entfernung in einen, meist röthlich braunen Ton zusammendiessen, welcher unmittel- 
bar auf der Palette nicht mit diesem wunderbar spielenden und schimmernden Lustre zu 
erreichen wäre, deren grcsses Muster endlich auf reichen Faltenwurf berechnet ist; - an 
den nach demselben Yrincip ornamsntirteu Gold- und Bilberstoßen, welche in griinem, 
rothem, violettem, goldenem Feuer glänzten, - an den prachtvoll mit Seide, Gold- und 
Silberfäden oder auch mit den Fliigeldecken glänzender Käfer gestrickten Schleisrn etc. 
Es ergab sich hier die Gelegenheit, hervorzuheben, dass an indischen Schleiern wohl der 
Band und dieser so reich als möglich gestickt ist, nicht aber der Theil, welcher bestimmt 
ist, das Gesicht zu verhiillen, und dessen Zeichnung in der That nur das Gesicht ent- 
stellen kann. Ferner wurde erwähnt, wie die Kinder jener indischen Familien, in welchen 
die Kunst der Weberei und der Stickerei sich von Geschlecht zu Geschlecht forterbt, von 
frühester Jugend auf das Auge, die Hand und zugleich den Geschmack bilden lernen, in- 
dem sie angehalten werden, Punkte in gleichen Abständen zu legen, dieselben durch Li- 
nien zu verbinden, Figuren zu legen aus Blumenblitttern u. dgl. m. 
Die indischen Teppiche verhalten sich nach Falke's Darstellung zu den persi- 
schen wie blumige Wiesen zu Pracbtgärten. Die Perser nähern sich in der Beniitzung 
der Alumenornamente fiir Fussteppiche, Vorhänge, Seidenstoße, gedruckte Kattune wie fiir 
Fayencen. Emails etc. dem Naturalismus, ohne jedoch in das Copiren der Natur zu ver- 
fallen; wogegen die Muster jener mosaikarüg zusammengesetzten Tischdecken, deren Nähte 
mit tambourirten Stichen in Seide gefasst sind, an die Wanddecorationen der Araber in 
Spanien erinnern. An den türkischen Arbeiten liess sich der Einfluss der Mannigfaltig- 
keit der Nationalitäten, welche dortzulsude die Künstler und Handwerker stellen, anderer- 
seits der häuiigeren Berührung mit der europäischen Oivllisation beobachten. Eben diese 
macht sich auch an der Nordküste Afriufs geltend neben dem noch fast unverändert er- 
haltenen Sül des Mittelalters. 
Am entschiedensten manifestirt sich die Bekehrung zu den wichtigen Grundsätzen 
der Fllichenorunmentnticn und das Bestreben, auf diesem Wege zu einem originalen Corn- 
positionsstil zu gelangen, in der englischen Teppichindustrie, in den deutschen und fran- 
zösischen Fabriken werden noch beide Stilweisen neben einander gepflegt. Der Preis in 
der neuen Richtung in der Teppicbfabrication aber müsse, sprach der Redner aus, wider- 
spruchslos Oesterreich, d. h. der Fabrik von Haas ü Söhne zuerkannt werden, wogegen 
in nach indischer Weise mit Bordüren bedruckten Kleiderstotien das Vorziiglichste und 
Geschmackvollste der Elsass leistete. Dieser Theil der Ausstellung der Elsässer Webereien 
und Druckereien bildete jedoch nur eine Oase inmitten einer Wildniss vOn Stoßen, die in 
geschrnackwidrigster Weise mit Menschen- und Thieriiguren, Portraits, ganzen Genre- 
scenen u. s. w. bedruckt waren. Das Sinnigste in dieser Rivlltnng ist ohne Zweifel, den 
unteren Saum von Damenkleidern mit Portrsinnedaillons, Liehesscenen. Amorettengrnppen 
etc. etc. zu schmücken, welche die Bestimmung haben. mit Staub und Schmutz in unmit- 
telbarste Berührung zu kommen. Mit Recht tadelte Falke auch die Lynner Mode, dunkle 
Seidenstutfe am unteren Rande derart mit einzelnen Blumen zu schmücken, das diese wie 
angehängt erscheinen. Wie auf Damenkleidern, Herrenhemden, Tßsrghgntiichgrn n. a, w_ 
kommen die Medaillonporträts auch auf französischen Vorhängen -nnd 'l'apeten vor, wie 
z. B. eine gewirkte Tapete in regelmässiger Wiederholung die Bildnisse - oder richtiger 
Caricaturen der Bildnisse - der kaiserlichen ldnmilie von Frankreich zeigtel Eine solche 
Verirrung ist um so unbeg-reiilieher, als es doch keinem Menschen einfallen wiirde, das- 
selbe Bild in mehreren Exemplaren an dieselbe Wand zu hängen. Ferner waren mit dem 
höchsten Aufwands der Technik in Tischtücher - Copieu RnphuePschr-r etc. Gemälde 
eingcwebt. Welche reizende Idee: der Fischzug Petri in Figuren von Zweidrittel-Leheirs- 
grösse, zum Theil mit Schüsseln und 'l'ellcrn besetzt, zum 'l'lxcil in Falten vom Tisch
	        

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