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Volltext: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe VI (1871 / 70)

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Zur Chemie der Thonwaaren. 
Vortrag des Prof. Dr. Hlasiwetz, gehalten im Oesterr. Museum am 3. Dacbr. 1870. 
Wenn man nach Beispielen sucht, um zu zeigen, wie vollständig 
die rein empirische Praxis, die intuitive Eründung ihren Weg macht, 
und bedeutende Ziele erreicht, wie sie oft wissenschaftliche Ueberle- 
gungen und Theorien in unserem Sinne gar nicht braucht, und durch 
blosses instinctives Suchen und Probiren, Vergleichen und Nachahmen 
ansserordentlieh schwierige Aufgaben löst, Aufgaben deren Schwierig- 
keiten wir erst einsehen, nachdem wir sie wissenschaftlich abschätzen 
können, - wenn man, wiederhole ich, nach Beispielen hiefür sucht, so 
bietet sich nicht leicht ein schlagenderes dar, als die ganze Industrie 
des Thons. 
In ihr ist es dem Menschen gelungen, einem der unansehnlichsten 
Naturproducte eine Verwendbarkeit, Umwandlung und Gestaltbarkeit tiir 
die Bedürfnisse des täglichen Lebens sowohl wie für künstlerische Be- 
strebungen abzugewinnen, die geradezu unsere Bewunderung heraus- 
fordert, wenn wir ihre Leistungen mit dem Material vergleichen, welches 
für sie zu Gebote steht. 
Heutzutage zählen wir die Keramik, oder die Kunst den Thon zu 
bearbeiten zu den chemischen Industrien, und gewiss mit Recht, weil 
eine Anzahl rein chemischer Processe für sie aufgeboten werden. 
Allein die Wahrheit zu sagen hat die wissenschaftliche Chemie sich 
erst zu einer Zeit mit den hierher gehörigen Fragen befasst, als die 
Kunst, Thonwaaren der verschiedensten Art zu erzeugen, schon völlig 
entwickelt, sicher, und des Zufalligen beraubt war, was unfertige Indu- 
strien noch an sich haben. 
Man machte in Meissen und Sevres schon Geräthe und Kunstgegen- 
stände aus Porcellan von höchster Vollendung, sowohl der Masse als der 
Form, Farbe und Decoration nach, lange bevor man nur den Thon, mit 
dem man arbeitete, chemisch präeis zu deßniren wusste, bevor man den 
ganzen Process der Massebereitung wissenschaftlich verstand, und man 
versteht ihn in China und Japan, wo das Porcellan zu den ältesten Er- 
Endungen gehört, vielleicht heute noch nicht. 
Allein das hindert nicht, dass, seit die Chemie mit ihren Erklä- 
rungen die Processe verfolgen kann, die hier im Spiele sind, sie dieser 
Industrie schon die nützlichsten Dienste geleistet hat, und noch zu lei- 
sten berufen ist, dass sie ihr im Verein mit der Mechanik doch erst ein 
wissenschaftliches Gepräge verliehen hat, wie sie denn überhaupt ord- 
nend, berichtigend und vereinfachend und neue Bahnen erschliessend 
in allen den technischen Künsten waltet, die von einem chemischen Pro- 
cess oder einem chemischen Material ausgehen.
	        

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