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Full text: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe VI (1870 / 61)

Ente Symbol der ehelichen Treue. Mit der Grille wurde lange Zeit hin- 
durch in China viel Wesens getrieben. Man ergötzte sich an" ihrem 
„Gesang", Poeten schrieben zu ihrem Lobe dicke Bücher voll begeistert- 
ster Gedichte, die Damen hängten silberne, goldene, papierene und wirk- 
liche Grillen auf ihre Kleider und in ihre Haare, bei Hofe musste ein 
eigener Beamter stets dafür sorgen, dass es nie an der gehörigen Anzahl 
dieser sonderbaren Sänger, die in allen Qualitäten, Couleuren und Gat- 
tungen zur Ergötzung zarter Ohren vorhanden sein mussten, fehlte, und 
wer nicht ganz und gar ein Barbar und aller Mode fernstehend erschei- 
nen wollte, hielt wenigstens ein paar Grillen in einem kleinen Holzkälig, 
den er bei Besuchen mit herumtrug. Von der Grille wird die Mässigkeit 
geriibmt, „weil sie mit der geringsten Nahrung vorlieb nimmt",.und die 
Bescheidenheit, weil sie „nur verborgen und ungesehen unter Blättern 
sitzend ihr Lied ertönen lässt", und verstummt und sich entfernt, sobald 
man, um sie zu beobachten, ihr naht. Kein Wunder also, dass die Grille 
als Ornament und Symbol vielfach verwendet ist. 
Bei dem grossen Interesse, das die Chinesen seit jeher für Landbau 
und Gartenkunst nehmen, bei der hohen Stufe, zu der sie die letztere 
gebracht, und gefördert durch die allen Ständen gemeinsame Liebha- 
berei tTJr Blumen hat sich eine Pdanzensymbolik herangebildet, die einer 
förmlichen Blumensprache gleichkommen mag, die wir aber freilich nur 
höchst fragmentarisch verstehen, denn unsere geringe Kenntniss davon 
müssen wir aus gelegentlichen Bemerkungen und Andeutungen verschie- 
dener Schriftsteller entnehmen. Unterstützt wird die Bedeutung des Pflan- 
zenornamentes in der Kunst noch vielfach durch religiöse Momente, wie 
durch die Anschauungen der Tao-sse (der Anhänger der vom Philosophen 
Loa-tseu, einem Zeitgenossen des Confucius, gegründeten spiritualistisehen 
Tau-Religion), in deren Augen jede Plianze ihr göttliches Wesen hat. 
Da bei der zu seltsamen Sprüngen geneigten Phantasie, wie sie den Chi- 
nesen mit allen Asiaten gemeinsam ist, die Vergleichungen und Symbo- 
lisirungen oft ziemlich weit hergebolt und gewaltsam sind, ist natürlich; 
dass aber von vorneherein bei Entwerfung aller Arten bildlicher Dar- 
stellungen eine ganz genau priicisirte Absicht in diesem Sinne vorherrscht 
(wenigstens gewiss in früherer Zeit vorgeherrscht hat), beweisen die alten, 
für Künstler aller Art geltenden minntiösen Vorschriften, deren Befol- 
gung eigene Behörden zu überwachen haben. 
Bekannt ist die Rolle, die der Lotus (Lin-hao) im Buddhaismus 
sowohl als im Brahmaismus spielt; er ist in den Augen der Buddhisten 
das Bild der lebenden Kräfte der Natur, sein perennirender Stock, aus 
dem jedes Jahr neue Triebe schiessen, repräsentirt das schaffende Princip, 
lbrlaelzung auf der Beilage.
	        
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