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Volltext: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe VI (1870 / 61)

Eine Studie über chinesische Email-Vasen. 
(Fortsetzung) 
So viel auch die Chinesen in der Gefiissbildnerei seit jeher geleistet 
haben, Eines ist ihnen versagt gewesen: in der Formengebung ihrer 
Vasen und Geräthe zur architektonisch motivirten Gliederung der Contour 
zu gelangen. Wie dem decorativen Theile ihrer Baukunst jede Betonung 
des inneren Unterschiedes zwischen Stütze und Last fehlt, so geht ihnen 
auch in den übrigen Künsten das Gefühl tiir organische, d. h. den Zweck 
des einzelnen Theiles in seiner Form versinnbildlichenden Construction 
beinahe völlig ab. Manche ihrer Geräthe erscheinen daher plump und 
massig, andere übertrieben schlank und dünn, oft auch derselbe Gegen- 
stand in seinen einzelnen Theilen bald dem einen bald dem andern der 
beiden genannten Extreme sich nähernd, und nur selten werden wir in 
gleicher Weise wie durch die Vollendung der Arbeit auch durch die har- 
monische Wirkung der Form befriedigt. Diese Eigenthümlichkeit ist mit 
der ganzen Oultur, der Denk- und Anschauungsweise des merkwürdigen 
Volkes eng verknüpft}; die Gestalten, die es schallt, haben ein gewisser- 
xnassen alterthümliches Gepräge, und wenn ich die chinesische Kunst 
früher die nicht vollentwickelte Kunst einer primitiven Epoche nannte, 
so findet das auch auf ihre Formengebung volle Anwendung. Die Pe- 
riode der unfertigen Entwickelung ist im Werden der Kunstformen so 
gut wie jm Wachsen des Organismus bezeichnet durch unabgewogene 
Verhältnisse der einzelnen Theile, und erst mit der fortschreitenden Ent- 
faltung tritt (wie ja schon das Wort Entwickelung besagt) jene feine 
Scheidung und Verbindung der Glieder ein, die den erwachsenen Kör- 
per so gut wie die griechische Vase der besten Zeit zum vollkommenen 
Ausdruck ihrer Idee macht. In diesem Sinne ist das oft gehörte Wort, 
dass die Chinesen Kindern gleichen, nicht ohne eine gewisse Wahrheit. 
Wir können hier diese Erscheinung nur constatiren und müssen uns ver- 
sagen, auf die Darlegung ihrer Ursachen einzugehen, so interessant auch 
diese wäre, die aber ohne eine weitgehende Erörterung der gesammten 
Cultur, Philosophie und Religion nicht thnnlich ist. 
Dass die Chinesen eine von der unserigen vom Grund aus ver; 
schiedene Auffassung für Formen haben,_können wir schon aus ihren An- 
sichten über die Gestalt des menschlichen Körpers entnehmen. Nicht das 
Ebenmsss der Verhältnisse, sondern eben deren Ungewöhnlichkeit, die 
überrnässige Entwickelung einzelner Theile, das Seltsame, Frappante, 
selbst Abstruse gilt als bedeutend. Die Heroen, grossen Kaiser und Phi- 
losophen werden in ihrer äusseren Erscheinung als Monstra gedacht, mit 
kolossalem,' massigem Körper, kurzem Hals, hervorstehenden Augen, 
langen Armen und, wenn ihre geistige Ueberlegenheit besonders hervor- 
gehoben werden soll, mit einer oder gar zwei hügelartigen Protuberanzen
	        

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