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Full text: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe VI (1870 / 61)

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über der Stirne; so die Bilder des Philosophen Lao-tseu, des Fo-hi, des 
ersten Kaisers Hoang-ti und vieler anderen. Die Beschreibungen, _die wir 
von ihnen in den Literaturwerken lesen, stimmen vollständig mit den 
auch in Europa wohlbekannten Malereien und Sculpturen. Nun ist es 
aber einejn allen Epochen und bei allen Völkern zu constatirende That- 
sache, dass der Formensinn, so wie er sich in der künstlerischen Nach- 
bildung der menschlichen Gestalt äussert, auch in allen übrigen Kunst- 
gebilden einen seiner speciellen Eigenthümlichkeit entsprechenden Aus- 
druck findet. So stimmen die chinesischen Vasen mit ihren oft schwer- 
falligen Ansätzen, kurzen wenig vermittelten Hälsen und Füssen, und den 
bald unterdrückten bald übermässig gestreckten Verbindungen vollständig 
zu dem Charakter der chinesischen Kunst, und von diesem Standpunkte 
aus wird sich uns sogar eine Art Verständniss für diese, uns im ersten 
Momente so fremdartig entgegentretenden Gebilde eröffnen. 
Mit dem Vorstehenden soll aber nicht gesagt sein, dass diese Formen 
nicht auch zuweilen nach unseren Begrifen „schörß genannt werden 
können, im Gegentheile sind sie gar oft elegant und von origineller Er- 
findung der Zeichnung. In solchen Fällen hat eben das von unserer 
Weise himmelweit verschiedene Constructionsprincip ein unserem Ge- 
schmack zusagendes und congruentes Resultat geliefert, ich möchte aber 
doch sehr bezweifeln, ob gerade das, was an solchen chinesischen Kunst- 
producten uns gefällt, auch vor den Augen eines chinesischen Kunst- 
kenners besondere Anerkennung finden dürfte. Uebrigens sind bei vielen 
Gattungen der Vasen die Formen conventionell, und haben sich seit den 
ältesten Zeiten nicht geändert, Dank den minutiös genauen Vorschriften 
und der strengen Handhabung der Reglements für alle Künstler und 
Handwerker. Dass aber doch ein gewisses tektonisches Gefühl den Chi- 
nesen nicbt fremd ist, und selbst schon in sehr früher Zeit nicht fremd 
war, dafür scheint mir neben manchen anderen Andeutungen besonders 
eine Stelle im Tscheu-li ("Riten der Dynastie Tscheu"), die ich als be- 
zeichnend hier anführen will, zu sprechen. „Die Thiere, die dicke Lippen 
haben und einen breiten Mund, hervorspringende Augen, kurze Ohren, 
breite rückwärts zugespitzte Brust, einen grossen Körper und kurzen 
Hals, nennt man nackte, oder Thicre mit kurzen Haaren. Gewöhnlich 
haben sie grossc Kraft, können aber nicht laufen. Der Ton, den sie 
hervorbringen, ist kräftig und wieitschallend. Da sie grosse Krait haben, 
aber nicht laufen können, eignen sich ihre Figuren zu Untersätzen 
schwerer Gegenstände.. . ." und weiterhin: „Die Thiere, die einen zu- 
gespitzten Schnabel haben, einen weitgeschlitzten Mund, lebendiges Auge, 
langen Hals, kleinen Körper, gedrückten Bauch, nennt man gefiederte 
Thiere. Gewöhnlich haben sie keine Kraft, aber sie sind leicht. Der Ton, 
den sie hervorbringen, ist klar, hoch und man hört ihn weithin. Da sie 
nicht stark, sondern leicht sind, so eignen sich ihre Figuren zu Unter-
	        
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