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Volltext: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe VI (1870 / 63)

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unter den Ming-Kaisern eingenommen hatte, so konnten dieLeistungen darin 
noch immer neben jenen Muster-werken ihren Platz behaupten. Wirklich 
wird man häufig Emailen finden, die das Nienhao Kien-lung tragen. Vielen 
von diesen Emailen würde man leicht geneigt sein, auf den ersten An- 
blick ein sehr hohes Alter zu vindiciren, Formen und Verzierungsweisen 
sind oft den ältesten Vorbildern, jenen Vasen und Geräthen, die die Chi- 
nesen gerne den Urzeiten der Behang-Dynastie zuschreiben, entlehnt. Es 
ist dies eine archaistische Kunstrichtung, der wir hier begegnen, eine Kunst- 
richtung, die durch Culturströmungen hervorgerufen worden ist, die sich 
mit Vorliebe dem Alterthume zuwendeten. Beiläufig bemerkt, liegt hierin 
auch der Grund der in Europa vielfach verbreiteten Meinung von einer völ- 
ligen Stagnation der Knnstbswegung in China seit den ältesten Zeiten. 
Freilich lassen sich die Wandlungen, die die Kunst in jenem Lande er- 
fahren, nicht nach unserem Masstabe messen, gewiss aber auch heute noch 
nicht übersehen und daher kaum völlig richtig würdigen. Der erwähnten, 
vielleicht nur localen, keineswegs aber gründlichen Besserung der Kunstpro- 
duction scheint schon im 18. Jahrh. wieder ein weiterer Rückschritt gefolgt 
zu sein. Die Emailen werden in Ornamentation und Ausführung immer ge- 
ringer, die Farben unharmonischer, selbst grell, die früher dünnen Zellen- 
güden werden zu breiten Metallstreifen, die man wegen ihrer Stärke nun 
nicht mehr mit der alten Genauigkeit und Zartheit biegen konnte. Auch 
in den Proceduren des Brennens geht die frühere Geschicklichkeit ver- 
loren, indem man bei den neueren Emailen an der Innenseite der Gefässe 
häufig ein Gegenemail angewendet sieht - ein Nothbehelf, dessen sich 
die Künstler der guten Zeit nie bedient hatten. Heutzutage sollen nur 
noch wenige Familien in China die Kenntniss der Herstellung der Zellen- 
emailen besitzen und verwahren sie als Geheimniss; doch werden in Canton 
kleinere Gegenstände dieser Art noch leidlich gut verfertigt. Für den 
heutigen Zustand der Künste in China ist bezeichnend, was der Reisende 
Robert Fortune, der viel mit chinesischen Sammlern und Kennern ver- 
kehrte, darüber schreibt: „Unser grösster Schrecken war das neue 
(chinesische) Porcellan, das mehr als irgend ein anderes Ding im Lande 
beweist, wie sehr alle Künste in Verfall gerathen sind." 
Wir können zum Schlusse nicht unerwähnt lassen, dass auch in 
Japan die Kunst, Zellenschmelze zu machen geübt worden ist, und wahr- 
scheinliuh noch gegenwärtig geübt wird. Ohne Zweifel gelangte die 
Keuntniss des Zellenemails von China aus dahin. Die japan. Emailen 
erreichen jedoch nicht die chinesischen an künstlerischem Werthe, ob- 
gleich sie mit staunenswerthem Fleisse und grosser Geschicklichkeit aus- 
geführt sind. Die Zellenfaden sind bei den japanischen Ernailen sehr 
dünn, die Zellen selbst sehr klein, so dass der Aspect des Ganzen oft 
der Wirkung eines Mosaiks nahe kommt. Die Farben sind sehr leb- 
haft, aber nie so harmonisch wie die chinesischen Emailfarben, woran
	        

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