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Full text: Alte und Moderne Kunst XXII (1977 / Heft 154 und 155)

J6zef Grabski 
Leon Chwistek und sein 
„Strefismus" in der Malerei 
Auf der bunten Kunstbühne in Polen in der 
ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, wo die ver- 
schiedensten Kunsttendenzen, Leistungen und 
Richtungen zusammentrafen und sich bekämpf- 
ten, scheint die Persönlichkeit von Leon Chwistek 
(1884-1914) eine derinteressantesten zu sein. Dem 
Wiener ist Leon Chwistek nicht unbekannt, eher 
aber als Professor für Logistik und Philosophie 
an der Universität Lemberg. Er unterhielt die 
engsten Kontakte mit dem „Wiener Kreis", vor 
allem mit Moritz Schlick, Josef Menger und F. 
mann. Er ist aber dem österreichischen Kunst- 
Kunst- von Farb-, Licht- und lnhaltszonen auf der 
BildflöcheDer Künstler gruppiert ieweils ähnliche 
Formen separat. In einer Zone sammelt er die 
kreisförmigen, runden und ovalen; in einer 
zweiten die quadratischen, rechteckigen Formen 
und in der letzten etwa die dreieckigen, spitzen. 
Die ähnlichen Formen, miteinander gruppiert, 
werden von andersartigen Formen getrennt. Den 
Formenzonen entsprechen klar getrennte Farb- 
zonen. Derart versucht Chwistek eine logische 
und klar bezeichnete Ordnung in die Bildfläche 
einzuführen, er sieht damit die Möglichkeit, 
einen neuen Stil zu schaffen. Der Strefismus und 
die ldeen über die Kunst und über die Be- 
ziehungen zwischen Wirklichkeit und Kunst von 
L. Chwistek ergaben sich aus seinen damaligen 
Forschungen im Bereich der Philosophie und 
Ästhetik. 
ln seiner philosophischen Theorie, die er 
„Vielheit der Wirklichkeiten" niedergeleg 
betrachtete Chwistek die künstlerischen Pr: 
und gab dort den Grundriß seiner Ästhet 
er später in der „Vielheit der Wirklichke 
der Kunst" erweitern würde. Die Theo: 
Strefismus gehört zu den interessanteste 
danken über die Kunst, obwohl sie ziemli 
nig bekannt ist und im Schatten der „'l 
der reinen Farm" von S. l. Witkiewicz ( 
cy)' und des Unismus von W. Strzemiriski 
Vom theoretischen Gesichtspunkt ist der . 
mus auch deswegen bemerkenswert, weil 
sierend sowohl auf der Analyse und di 
lebnis der alten Kunst, besonders der A 
der Renaissance und der ukrainischen lkor 
lerei, als auch auf dem Kubismus, Futu 
polnischen Formismus undderVolksmalere 
freunde auch bekannt. Eines seiner Werke war 
1976 in der Wiener Secession bei der Ausstellung 
„Polnische Kunst 1900-1975" zu sehen". 
In letzter Zeit kann man ein immer wachsendes 
Interesse für das wissenschaftliche, literarische 
und künstlerische Schatten dieses polnischen 
Philosophen beobachten. Sowohl seine mathe- 
matisch-logischen als auch künstlerischen Tätig- 
keiten erwecken immer größeres lnteresse. Die 
immer zahlreicheren ihm gewidmeten Publika- 
tionen sowie die Ausstellungen seiner Malerei 
sprechen dafüri. 
Der wenig bekannte Begriff des Strefismus be- 
zeichnet eine interessante Leistung in der polni- 
schen Malerei der zwanziger und dreißiger Jahre 
des 20. Jahrhunderts, die von ihm erarbeitet und 
in der Praxis angewandt wurde. Der Strefismus, 
(von poln. „streta" : Zone, Streifen), die Zonen- 
theorie und ihre Praxis, besteht in der Anordnung 
48 
4 L. Chwistek, Festessen, 1923, Nationalmuseum, 
Warschau 
Anmerkungen 1-7 
'Palnische Kunst 1900-1975, Secession und ihre Nach- 
wirkung, Wiener Secession, 9. Jänner bis B. Februar 1976-, 
Kuh-Nr. 3. 
1 Die Bibliographie von und über L. Chwistek im 
K. Estrelcher, Leon Chwislek. Eiagratia arlyst 11884-1944), 
Krakow 1971, und in: J_ Grabski, Der gtrefismus in 
der Malerei, die Zonentheone Leon Chwisleks Kunst- 
doklrin und deren Praxis, Dissert. Univ. Wien 1976. 
J l.. Chwislek, Wielosö rzeclywistoäci w sztuce, „Prleglud 
Wspolczesny", Ed. IX, 1994, S. 79-95. 
'S. I. Witkiewicz, Nowe formy w malarstwie, Warslawa 
1919. 
SW. Slrzeminski, Unizrn w malarstwie, Warszawa 1928. 
' Um 1915, nach- K. Estreicher, op. cit., S. 726, 
7 Die künstlerische Enlwidrlung L Chwisteks in; J. Grab- 
ski, ap. (it., S. 63 U. 
Bogen bis zur rein konstruktivistischen u 
geometrischen abstrakten Malerei schafft. 
ln einer Äußerung charakterisiert Chwistel 
Art des Verstehens der Zone und des Stre 
folgendermaßen: „Unter einer Zone verstz 
einen Teil des Bildes, der so begrenzt is 
man zwei beliebige Punkte dieses Teils i 
den kann, ohne aus diesem Teil hinauszu 
Jede Form und iede elementare Farbe 
Schwarz und sechs Regenbogenfarben) l 
nur eine Zone haben. lm übrigen gibt 
trennte Zonen für die kleinen und große 
men, für das Licht (die hellen Farben], f: 
Schatten (die dunklen Farben) und endli 
konkaven und konvexen Zonen". 
Eines der ersten strefistischen Bilder ist 
Bildnis der Schauspielerin lza Kozlowskc 
1922-1925]. Dem unteren Bildteil, der mit 
S-törmigen, dekorativen Linie, die noch V14
	        
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