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Full text: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe VII (1872 / 77)

Planlos, wie sie angelegt sind, irren wir auch durch die Räume und finden kein 
System weder in der Aufeinanderfolge der Gegenstände, noch in der Aufstellung, noch in der 
Aufnahme dessen, was zur Sache gehort und was nicht. Hier und da fühlen wir wohl 
durch, dass ein System zu Grunde zu liegen scheint, 'wir stossen aber auf so vieles, was 
dem zuwider ist, dass wir das System wieder vergessen. Wir erhalten den Eindruck, als 
ob es darauf angekommen sei, dass eben im Museum alles sich fände, alles was man etwa 
suchen konnte, und noch vieles andere. So gibt es im Kensington-Museum Bildergalerien, 
nicht eine, sondern gar viele von verschiedener Art, viel Gutes, sehr Gutes darunter, aber 
auch viel Unbedeutendes und Falsches dazwischen; so gibt es einen ganzen Corridor mit 
den Nahrungsmitteln aller Art, darunter im hohen Glaskasten einen künstlichen papiernen 
Weinstock mit künstlichen Trauben. Anderswo in diesen Räumen sieht man ein Marine- 
museum mit lauter Schilfsmodellen, anderswo lange Gange und Hallen mit dem Material 
der Schule, mit botanischen, mineralogischeri Sammlungen, mit einem Fischmuseum, mit 
ausgestopften, künstlich nachgebildeten Thieren, z. B. kämpfenden Hirschen in Lebensgrösse, 
alles unter dem Aushängeschild von Lehrmitteln, - ein Grund, der consequenter Weise 
ein vollständiges naturgeschichtliches Museum aller Natur-reiche nach sich ziehen musste. 
Und so finden wir noch viele andere unbegreilliche Dinge, wie zufällig hier und dort, die 
ich nicht aufzählen will. Daneben dann freilich auch eine grosse Fülle des wundervollsten 
alten Kunstgeraths, wie sie sich ganz eigentlich für dieses Museum gehört, Gold- und 
Silbergerath, Majoliken, Porcellan, Schnitzereien, und wie sie nur mit den grossartigen 
Mitteln dieser Anstalt und mit einer Entschlossenheit im Kaufen, die vor keinem Preise 
zurnckschreckt, sich hat vereinigen lassen. 
Somit lindet derjenige, der in das Museum kommt, das Einzelne zu studiren, vor- 
ausgesetzt, dsss er es entdeckt, gewiss seine Rechnung, forscht er aber nach den Zielen 
und Absichten dieser Anstalt, prnft er die Mittel sie zu erreichen und die Art ihrer 
Verwendung, so kann er sich wohl nicht der Ueberzeugung verschliessen, dass in dieser 
Beziehung, in der Verfolgung der eigentlich künstlerischen Absichten die Ane 
stalt keineswegs mit klarem Bewusstsein der Wege und Ziele geleitet wird. Er muss sich 
selber gewaltsam tauschen, will er einen gewissen Dilettantismus und einige Begrilisver- 
wirrung nicht bemerken. 
Von diesen Uebelstanden, die mit den Persönlichkeiten eingewachsen sind, ist denn 
leider auch ein Guttheil auf die internationale Ausstellung dieses Jahres übergegangen. Sie 
sollte die eigentliche, auf richtiger Basis begründete, consequent und systematisch nach den 
richtigen Principien durchgeführte Ausstellung sein, und in Wirklichkeit macht sie vielmehr 
den Eindruck, als müsste man sie die Ausstellung der gebrochenen Grundsätze 
nennen. Ueberall liegt ein System, ein Princip zu Grunde, und überall ist es gc- 
b r oc hen. 
Man stellte zunächst den Gedanken auf, dass diese Ausstellung gewissermassen ein 
bleibendes nationales Staatsinstitut werden solle, eine permanente Ausstellung. Da 
diese nun aber, unter den heutigen Verhältnissen des Völkerverkehrs, als universale Welt- 
ausstellung gedacht, eine Unmöglichkeit ist, da man wohl auch den Reiz des Neuen, des 
Wechselnden nicht entbehren konnte, so fand man den Ausweg, das ganze Gebiet 
der Gegenstände in zehn Gruppen zu zerlegen und diese auf zehn Jahre zu vertheilen, wo- 
nach der Kreislauf mit der ersten Gruppe wieder von vorn beginnen sollte. Die Idee ist 
demnach eine permanente internationale Ausstellung partiellen Inhaltes. Von dieser Idee 
machte man aber sofort eine sehr verhangxiissvolle Ausnahme, indem man die Kunst - 
und man fasste die Kunst, wie wir gleich sehen werden, in einem sehr weiten Sinne - 
ein für allemal zu jeder Jahresausstellung vollständig und unbeschränkt zuliess. 
Aber auch in dieser Form der Theilung ist eine permanente Weltausstellung wider- 
sinnig. lst die Idee richtig, so werden natürlich die übrigen Volker sie gleichfalls bei sich 
einführen und am Ende wird jedes Land gleichzeitig seine Weltausstellung halten. Alsdann 
wird niemand mehr Lust oder Veranlassung haben, die des andern Landes zu besuchen 
oder zu beschicken und die Sache hort von selber auf. Eine permanente Westausstellung 
kann nur Aussicht auf Existenz haben als Weltbazar, in welchem jederzeit Ausverkauf 
und Erneuerung stattfindet, und das wird auch das Ende dieser Londoner Ausstellung sein. 
Schon ist der Anfang dazu gemacht. Die Franzosen, aufgefordert Jahr für Jahr 
diese Ausstellung mit ihren neuesten und besten Artikeln zu beschicken, verlangten als 
Gegenbedingung das Recht, nach Belieben dasjenige, was sie eingesendet, verkaufen zu 
dürfen. Man räumte ihnen dieses Recht ein und liess sie eigene Hallen, einen eigenen 
Bazar inmitten des Ausstellungsmumes errichten. Dadurch wurde erstens das unbedingte 
Princip jeder bisherigen Ausstellung, von den ausgestellten Gegenständen nichts vor Schluss 
hinweglunehmen oder wegzugeben, gebrochen. Es wurden zweitens alle französischen 
Gegenstlnde von der Systematik der Aufstellung ausgeschlossen und dadurch ein anderes 
Loch ll'l das Princip gemacht, und drittens musste man jedem anderen Lande das gleiche 
Recht einräumen, was sie sich ohne Frage eines nach dem andern zu Nutze machen 
werden. Alsdann ist es mit aller principiellen Ordnung und darauf begründeten systema- 
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