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Volltext: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe VII (1872 / 77)

fach auf verkehrtem Wege suchten. Ganz frei davon war sie auch diesmal nicht, aber eine 
Reihe leichter, zierlicher, eleganter Arbeiten bekundete deutlich die Umkehr und ein 
besseres Verstandniss, und selbst ihre grossen Blumenvasen hatten in der Malerei einen 
leichtern, duftigern Charakter angenommen, der mit dem Material mehr in Harmonie stand. 
Aehnlich war es mit den schwedischen und namentlich den danischen Fabriken, die in 
der neuen Richtung ganz vortretfliche Arbeiten ausgestellt hatten. Dass nunmehr auch 
unsere heimischen Fabriken diesen Weg betreten, zeigen die erwähnten Arbeiten von 
Haas 81 Czizek auf unserer Museums-Ausstellung. Es ist diese Erkenntniss um so erfreu- 
licher, als es der einzige Weg ist, auf dem im Jahre 1873 auf der Weltausstellung Ehre 
zu gewinnen sein wird. 
Minder deutlich und entschieden als bei den Poterien traten die Erscheinungen und 
Veränderungen des Tages bei den Wollgeweben hervor, welche die zweite grosse lu- 
dustriegruppe der Ausstellung bildeten. Es mochte das auch mit an einer sehr zerstreuten 
und zcrstückelten Aufstellung liegen. Nur eine Wahrnehmung in den Fussteppichen 
drängte sich unverkennbar auf, die nämlich, dass sie nunmehr sammt und sonders von der 
orientalischen Ornamcntation beherrscht sind, so dass die bisherige grellbunte, naturali- 
stische Blumenornamentation, von der englischerseits auch nicht ein einziges Stück aus- 
gestellt war, wie sie immer ein schlechter Geschmack war, nunmehr auch als ein 
völlig veralteter gelten muss. Selbst die Franzosen hatten in ihrer Abtheilung kein 
Stück mehr von diesem Genre ausgestellt; auch bei ihnen herrschte der Orientalismus 
vor, obwohl keineswegs so uusschliesslich wie bei den Engländern. Die Franzosen hul- 
digen noch immer den Ornametationsweisen des 18. Jahrhunderts, die mit ihrer launen- 
haften Willkur der franzosischen Natur so homogen sind, und insbesondere ist es der Styl 
Louis XVL, den das zweite Empire zurückgeführt und den die junge Republik unter 
ihren Todcskampfen noch nicht abzuschütteln vermocht hat. Teppiche in dieser Art, welche 
mit lichter Farbeuhaltung zierliche Blumenbouquets in mehr oder minder reichen 
Umrahmungcn aufnehmen, behaupteten sich daher in der französischen Abtheilung neben 
den orientalischen, und es fehlte daher auch nicht an wundersamen französischen Cu- 
pricen. Die wundersamste von allen war eigentlich das Hauptstück der ganzen franzö- 
sischen Teppichausstellung, ein kolossales Stück, das nach der Idee einer grossen vergol- 
deten und emaillirten, in Erz getriebenen Schale selbst in den Farben omamentirt war 5 
ahnlich wie auf einer solchen Schale war auf diesem Teppich die Mitte erhöht mit Licht 
und Schatten in goldener Bronzefarbe, vier Figuren waren als Karyatiden, Blumenkörbe 
tragend, gegen das schwere Mittelstück gestellt, während herum in Zwischenräumen Me- 
daillons mit weiblichen Köpfen blau in blau, angebracht waren. 
Noch bedeutender zeigte sich die specifisch-französische Vorliebe für die Kunst- 
weisen des 18. Jahrhunderts in den Möbel- und Vorhangstoffen, zum Theil mit getragen 
und gehalten durch die Gobelinsweberei, welche der Verwendung mythologischer und 
allegorischer Figuren und Gruppen in Art von Boucher Vorschub leistet. Auch die blasse 
Färbung mit Rosa, lichtem, wässerigem Blau und zartem Grün entspricht der Stimmung 
des 18. Jahrhunderts. Indessen ist doch auch diese noch vor Kurzem alles beherrschende 
Richtung in Frankreich selbst bereits durchbrochen und das Schwanken der Franzosen 
in ihrer eigenen bisherigen Art, der Beginn des Wandlungsprocesses, der auch sie ergriffen 
hat, liegt am Tage. Beweis dafür war unter anderem eine vortrelTliche Ausstellung von 
Seidenstoffen eines Lyoncr Hauses, die theils in orientalischem Styl ausgeführt waren, theils 
sich als dirccte Nachahmungen chinesischer Muster, theils als Imitation der eifectvollsten 
genucsischen und venetianischen Stoffe aus dem 16. und I7. Jahrhundert erwiesen. 
Diese letztere Richtung} die Aufnahme der Flachenomamente der Renaisänce und 
die Fortbildung ihrer Sttmmt- und Seidenstoife, scheint nunmehr für Wand-, Möbel- 
und Vorhanggewebe herrschend werden zu wollen. Darauf deutete auch die eng- 
lische Ausstellung in den entsprechenden Gegenständen hin, und es ist damit auch auf 
diesem Gebiete der Sieg der stylistischen Omamentation über die naturalistlsche 
entschieden. Bis dahin waren es vorzugsweise die mittelalterlichen Muster, welche 
unter der Aegide derjenigen, die zu einer Reformation der kirchlichen Coatume drängten, 
in Opposition zu der bisherigen herrschenden Richtung traten. In der That haben sie auch 
die kirchliche Paramentik umgcschaifen und auch in civiler Verwendung, namentlich bei 
Tapeten und Möbclstotäen, ein gutes Gebiet _sich erobert. Und das war auch ganz gut und 
angemessen, denn diese mittelalterlichen Muster verbinden Stylrichtigkeit mit Schönheit, 
Originalität und Wirkung. ihrem endgiltigen Eriblge widerstrebte nur eine gewisse Fremd- 
artigkeit für das moderne Gefühl. Viel näher stehen uns in dieser Beziehung die Muster 
der Renaissance, deren freie, elegante, schwungvolle Zeichnung nur wie ein Zurückfuhren 
der Rococornuster auf eine regelmässige, edle, künstlerische Form erscheint. Es sind eben 
die Formen, von denen unsere bisherige Art ausgegangen ist, so dass wir nur zur reinen 
Quelle zurückkehren. Ohne Frage wird die nächste Zukunft der in Rede stehenden Ge- 
webe (Teppiche ausgenommen) ihnen gehören, und das ist gerade dasjenige, was wir 
Wünschen müssen, denn in ilirer Uebung liegt die beste Schulung des Geschmacks und sie
	        

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