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Volltext: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe VII (1872 / 77)

der Verwendung des Emails bemerkbar. Schon 1867 hatte man auf der Pariser Ausstel- 
lung gesehen, wie ausgedehnt bereits die Imitation des altchinesischen Zellenschmelzes zu 
allerlei Luxusgeräth geworden war. Diese Arbeiten hatten aber zwei Fehler: einmal 
waren sie meist Gegenstände blos für das Auge, zu wenig oder keinerlei wirklichem Ge- 
brauche, und zum andern waren sie zu bunt und scheinend in ihrer Verbindung mit 
viel zu reicher Vergoldung, so dass sie künstlerisch hinter den coloristisch so rei- 
zenden Originalen mit ihrer wundervollen tiefen Harmonie weit zurückstanden. In beiden 
Beziehungen war nun eine Besserung wahrzunehmen; man erkannte sowohl das Bestreben, 
die Gefasse mehr bestimmtem Gebrauche anzueignen, als auch die Vergoldung vor der 
Farbe zurücktreten zu lassen. So machen diese Arbeiten heute im Ganzen einen ruhigeren 
und wohlthuenden Eindruck. Dagegen ist in anderer Weise die französische Caprice 
wieder bei ihnen zu Tage getreten. Es hat sich nämlich in den letzten Jahren das Gebiet 
dieser und ähnlicher Arbeiten ausserordentlich erweitert, nicht aber, weil man Gefallen 
an ihrer, wenn auch relativen, doch unleugbaren Schönheit findet, sondern weil das nGenre 
Japan-t, wie man es nennt, eben Mode geworden ist, wie anderthalb Jahrhunderte früher 
in den Zeiten des Rococo. So findet nicht blos dieses Email, sondern überhaupt chine- 
sische und japanische Motive überall Anwendung. So ist unter den Händen der Franzosen 
die Kunst oder das Künstlerische an der Sache wieder zur Bizarrerie entartet. Indessen 
hat es auch insofern sein Gutes, als manche reizende Technik der Ostasiaten dadurch bei 
uns eingeführt wird. Dahin rechne ich z. B. die mit Gold- und Silberfaden tauschirten 
und in mannigfachen Tonen gefärbten Bronzen , von deren Imitationen Christotle eine 
grosse, höchst beachtenswerthe Collection ausgestellt hatte. 
Im Uebrigen zeigten die französischen Bronzen ganz ihre alten bekannten Eigen- 
schaften, als ob kein Krieg, keine Revolution über Fankreich und Paris dahingegangen, 
als ab das Kaiserreich, das den Geist dieser Industrie, wenn nicht geschaffen, doch ge- 
hoben und begünstigt hatte, nach wie vor an der Spitze der Civilisation einherschreite. 
Da waren die schwarzen oder braunen Afrikaner mit Onyxgewändern, da waren die span- 
grünen patinirten Gefässe und Figuren in antiketj Art, da war auch unverändert das ganze 
Genre der vergoldeten Bronzegefässe im Stil Louis XVL, den das Kaiserreich adoptirt 
hatte. So war auch die eigentliche Kunst der Franzosen durchaus von dem gleichen 
Geiste beherrscht. 
Ich will hier nicht mehr, da ich zum Schlusse komme, von der modernen Kunst 
reden, wie sie auf dieser Ausstellung vertreten war. Die Masse der Bilder war zahllos 
doch machte sie nach ihrem Gehalte den Eindruck als ob, wie ein englisches Blatt sich 
ausdrückt, der Kehricht der Landes- und Provinzialausstellungen nach London zusammen- 
gefegt worden sei; das wenige Gute verschwand unter der erdrückenden Menge. Ihr 
einigen Aufputz zu gehen, hatte man mit der Auswahl der Bilder bis in das vorige Jahr- 
hundert zurückgegritfen, und auch darin wieder das Princip gebrochen, denn diese Aus- 
stellung, die sich Jahr für Jahr wiederholt, hat es ja eben zur Absicht, das Neueste und 
Beste vom Jahr zu bringen. 
Ich will nur einen flüchtigen Blick auf die französische Plastik werfen, die auch 
wegen ihrer Verbindung mit der Kunstindustrie uns besonderes Interesse bietet. Zahlreiche 
Gegenstände vertraten sie hinlänglich, um über ihren Charakter nicht irre zu gehen. Es 
war noch ganz und gar die Kunst des zweiten Empire, durch und durch ein Kind dieser 
Gesellschaft, die keine Ahnung hatte oder zu haben schien, dass das Ende ihrer Tage so 
nahe sei. Gerade so war es einst mit der Gesellschaft des achtzehnten Jahrhunderts, die 
noch auf dem Vulcan tanzte, als die Erde sich öffnete sie zu verschlingen. Dem entspre- 
chend ist auch die plastische Kunst beider Zeiten wie zum Vewechseln ähnlich. Es ist 
dieselbe erkünstelte Naivitat und falsche Sentimentalität, dasselbe Suchen nach Gedanken, 
das nur Einfälle und noch dazu bizarre hat; es ist eine aEectirte, manierirte Kunst, die 
bar jeden echten Gehalts das Wesen nicht in Form und Idee, sondern in der Ausarbeitung 
des ausscren Scheines und des Beiwerltes sieht. ln dieser Richtung ist man eonsequent 
auch auf die colorirte oder farbige Plastik gekommen, aber in einer Weise, die einem die 
Farbe nur verleiden möchte. 
Von der Gesuchtheit des StoEes legte z. B. eine Gruppe Zeugniss ab, dargestellt 
durch einen schwarzen und einen weissen Knaben, die sich umarmen, der eine von Carrara- 
marrnor, der andere von schwarzdunltler Bronze mit buntem Onyxgürtel, und diese Gruppe 
versinnbildete uns das Wort der Bibel: Liebet einander. Den wersten Eindruck: stellte 
laut der Unterschrift ein junges Mädchen dar, das fast nackt auf einem Steine sitzt und das 
Medaillen eines jungen Mannes betrachtet. Man kommt in Versuchung zu fragen, ob die 
Mädchen wohl damals, als man nach Medaillons-und noch nicht nach Photographien hei- 
rathete, nackt gingen, oder ob man damals, als sie nackt gingen, nach Meclaillons hei- 
rathete? Soll ich die artne wGrille- schildern, die den Sommer sorglos sang und als der 
Winter kam fror und hungerte? Es ist ein junges Mädchen, lebensgross in Bronze aus- 
geführt, halbnackt, mit der Laute unter dem Arm, schaudernd und frierend und krumm 
gebogen vor Frost, die Hände über die Brust gekreuzt. Ein Künstler Namens Gregoire,
	        

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