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Volltext: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe VII (1872 / 87)

Da die Verzierungen bei diesen Rahmen meist naturalistisch gehalten sind und auch 
am häufigsten so verlangt werden, und die Natur in ihren Formen unendlichen Spielraum 
zulässt, erlangen die Schüler in kurzer Zeit eine Fertigkeit und Geläuiigkeit in der Hand- 
habung der Werkzeuge, und eignen sich einen Schwung und ein Verstandniss der Formen 
an, dass man auch bei minder talentirten Schülern sehr bald Arbeiten bekommt, welche 
verkäuflich sind, und in zweiter Linie ist bei diesen Arbeiten den Schülern Gelegenheit 
geboten, sich bald einen kleinen Verdienst zu verschaffen. 
Um die Leistungen der Schule zur allgemeinen Anschauung zu bringen, hat der 
Director der Anstalt die Ausstellung der Arbeiten zur bevorstehen Weltaustellung 
in Wien angemeldet. Die Ausstellung wird erfolgen unter der Rubrik: Ausstellung der 
Fachschulen österreichischer Anstalten auf dem Gebiete des Zeichnens, Modellirens, sowie 
der selbstständigen Erzeugung. 
Die Muniticenz des Hrn. Baurathes Baron von Schwarz, von welcher spüter Er- 
wähnung geschieht, ermöglicht es, dass das iunge Institut der Holzschnitzereischule in 
Hallein auch bei der Weltausstellung in Wien vertreten sein wird. 
Obwohl es nicht in der Absicht lag, die Schüler vor der ersten Hälfte ihres Lehr- 
curses für ihre Arbeiten zu entlohnen, weil bei einer stückweisen Zahlung der Arbeiten 
der Eifer und das Vorwartsstreben mehr oder minder beeinträchtigt werde, so ist doch 
den hiesigen Verhältnissen in der Weise Rechnung getragen worden, dass der noch unbe- 
deutende Erlos aus den verfertigten Arbeiten unter die Schüler vertheilt wurde, damit 
diese wenigstens von Zeit zu Zeit einen kleinen Verdienst hatten. Diese Massregel war 
nothwendig, um die Schüler der Schule zu erhalten, oder vielmehr um die Eltern der 
Schüler zu bewegen, dass sie ihre Kinder der Schule nicht entziehen, wie dies leider 
heuer mehrfach der Fall war, weil viele Eltern einestheils zu arm sind, ihre Knaben über 
die Dauer der ersten paar Jahre zu kleiden und zu ernahren, anderseits dagegen immer 
die hiesige Cigarrenfabrik anführen, wo zwölfjährige Mädchen gleich bei ihrem Eintritt 
in die Fabrik ein gewisses Tag- oder Wochengeld sich verdienen. 
Aus oben angeführten Gründen, namentlich wegen theilweiser vollständiger Mittel- 
losigkeit, sind von den im ersten Jahresbericht aufgeführten Schülern mehrere der Schule 
wieder entzogen worden, so dass der gegenwärtige Stand der Schüler 13 betragt, wovon 
no von der Stadtgemeinde Hallein sind, I von der Gemeinde Burgfried, l von der Gemeinde 
Oberalm, x von der Gemeinde Dürnberg. 
Sammtliche Schüler schnitzen drei Tage in der Woche; drei Tage sind abwechs- 
lungsweise für Zeichnen und Modelliren bestimmt. 
Ein Zuwuchs fand im verßossenen Schuljahr nicht statt, weil die Knaben nach dem 
neuen Schulgesetze, bis sie I4. Jahre alt sind, die Volksschule zu besuchen haben; es 
konnten deshalb heuer neue Schüler in die Holzschnitzereischule nicht eintreten. Dagegen 
war die Verkehrung getroffen, das solche Schüler, welche gesonnen sind, nach Absolvirung 
der Volksschule die Holzschnitzereischule zu besuchen, nach Beendigung ihrer Schulstun- 
den ietzt schon in die Schnitzschule kommen, um sich im Zeichnen und Modelliren zu üben. 
Dadurch erreichen sie einen nicht unbedeutenden Vorsprung, indem einige von den- 
selben so weit vorgeschritten sind, dass sie mit Eintritt in die Holzschnitzereischule so- 
gleich mit dem Schnitzen beginnen können. 
Um es auch dem ärmsten der Schuler möglich zu machen, die Holzschnitzereischule! 
besuchen zu können, da ja doch der Hauptzweck der Schule sein soll, dem Pauperismus 
in der Gegend von Hallein zu steuern und Arbeitlust und Industrie zu wecken und zu 
fordern, wäre es wünschenswerth, wenn aus Staats- oder Gemeindemitteln an arme bebürf- 
tige Schüler ein Stipendium bezahlt werden könnte, damit die Eltern wenigstens für die 
ersten zwei Jahre in der Lage waren, die Jungen zu kleiden und zu nähren, bis letztere 
im Stande sind, sich durch eigenen Verdienst weiter zu bringen. 
Am Willen, die Schule zu besuchen, fehlt es selten, weder bei den Eltern noch 
bei den Schülern, und nur die Armuth hindert Manche daran, und nachdem einmal die 
Schule errichtet und deren wohlthatiger Einfluss auf Alt und Jung bereits fühlbar ist, 
sollten der Bevölkerung auch die Mittel geboten werden, die Gelegenheit ergreifen zu 
können, um ihren Kindern etwas Tüchtiges lernen zu lassen, denn nur durch allseitig: 
Betheiligung wird der Zweck vollkommen erreicht, diesen lndustriezweig hier möglichst 
bald heimisch zu machen. , 
An das Schulcomile tritt nun die Aufgabe heran, gemäss Q. Ö der Statuten vom 
6. December 1870 ein Statut darüber zu entwerfen, auf welche geregelte Weise für die Zu- 
kunft die Erzeugung von verkäuflichen Waaren seitens der vorgeschritteneren Schnitzer 
und der Absatz dieser Waaren zu vermitteln ist.
	        

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