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Full text: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe XII (1897 / 2)

veranstaltet worden waren, und zwar benutzten sie hauptsächlich die 
Publicationen eines oberitalienischen, venezianischen Architekten, des 
Andrea Palladio. Es war daher gar nicht zu vermeiden, dass die Holländer 
neben den rein classischen Formen auch solche übernommen haben, die 
Palladio aus Eigenem dazu gedichtet hat. Die holländische Baukunst des 
17. Jahrhunderts wollte eine rein classische sein; als sie aber den Classi- 
cismus aus zweiter Hand, aus der Hand des Palladio nahm, wurde sie 
ein Ableger der palladiesken Baukunst. Die Formenelemente dieser Bau- 
kunst sind im Grunde die gleichen wie im römischen Barockstil, denn 
auch diese sind ja der classischen Antike der römischen Kaiserzeit ent- 
lehnt. Aber sie werden von Palladio nicht so in's Wuchtige gesteigert; 
und auch die Decoration wird nicht in gleichem Masse wie in Rom dieser 
gewaltigen und malerischen Tendenz untergeordnet, sondern behält mehr 
oder minder eine beachtenswerthe Sonderexistenz. Bei Palladio begegnet 
noch dieFreude an den antiken Anthemienfriesen und Akanthusverzierungen, 
die im gleichzeitigen Rom vollständig hinter dem Schnörkelwerk ver- 
schwinden. 
Dieser classicirende Stil des Palladio hat nun in Holland Eingang 
gefunden. In nächster Nachbarschaft, in Brüssel und Antwerpen, konnten 
die Holländer die sinnberückende Pracht der barocken Jesuitenkirehen 
kennen lernen: sie haben sich an dieser Pracht nicht berauscht, sondern 
haben den palladiesken Classicismus angenommen, offenbar auch darum, 
weil er in seiner größeren Einfachheit dem nüchternen, praktischen Sinn 
der Holländer znsagender erschienen ist. Ja, sie haben die relative Ein- 
fachheit dieses Stils geradezu bis zur Kahlheit gesteigert. Wenn man der 
holländischen Monumentalbauten des r7. Jahrhunderts zum ersten Male 
ansichtig wird, z. B. des alten Rathhauses zu Amsterdam oder des Trippen- 
liuis, so wird man auf den ersten Blick unbedingt geneigt sein, ihre 
Entstehung in die Empirezeit zu versetzen: so nüchtern und kahl tritt 
uns daran die Nachahmung der römischen Antike entgegen. 
Wie es an diesen holländischen Bauten des 17. Jahrhunderts Qmit 
der Decoration bestellt war, das ergibt sich schon aus dem Gesagten. 
Gerade das decorative Element in Palladio's Kunst, wenngleich es kein 
originelles gewesen ist, hat bei den Holländern noch eine Verminderung 
und Einschränkung erfahren. Nur ein Zug tritt hier auf, freilich un- 
merklich und schüchtern, der aber nicht ohne Bedeutsamkeit erscheint, 
sobald man die moderne Entwicklung daneben hält. Der holländische 
Classicisrnus beginnt stellenweise Blumenguirlanden zu verwenden; die- 
selben sind zwar nicht so naturalistisch gehalten, wie die modernen 
Blumendecorationen, aber sie verrathen doch einen Zusammenhang mit 
der lebenden Natur, sind nicht mehr leblose Schnörkel wie die Deco- 
rationsmotive des Barockstils. Hier haben wir also endlich einen Punkt, 
auf dem wir die holländische Decoration des Barockzeitalters auf die 
Natur greifen sehen; aber es ist eben der einzige Punkt, und dieses
	        
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