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Volltext: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe XII (1897 / 2)

Greifen ist nicht einmal ein unmittelbares: es steht noch deutlich da- 
zwischen die historische stilistische Kunst, deren Medium das pflanzliche 
Naturmotiv vorerst zu passiren hatte. 
Ueberblicken wir die Resultate unserer Untersuchung der Barock- 
decoration bei den drei Völkern, die der modernen Malerei die frucht- 
barsten Impulse gegeben haben, so lassen sie sich zu dem Gesammt- 
ergebnisse zusammenfassen, dass bei keinem dieser drei Völker - weder 
bei den Flamändern noch bei den Spaniern oder Holländern - die De- 
coration im Barockzeitalter eine selbständige Entwicklung erfahren hat, 
und dass daher keinem darunter die Fähigkeit zugestanden werden könnte, 
der modernen Decoration den Weg zu einer selbständigen Entwicklung 
und Blüthe anzuzeigen. Das einzige Volk, das eine originelle Barock- 
decoration hervorgebracht hat, sind die Italiener gewesen, genauer gesagt 
die Römer und die Florentiner, also die Vertreter einer vorwiegend 
idealistischen Kunstrichtung. Nur war diese italienische Barockdecoration, 
wie wir gesehen haben, in den Motiven so arm und auch von so eigen- 
thümlicher Art, dass sie den modernen Bedürfnissen keineswegs genügen 
könnte und auch den modernen Geschmacksempfindungen sich nur schwer 
anpassen ließe. 
Zu derselben italienischen Barockdecoration also, die uns anfänglich 
so ungenügend erschienen war, kehren wir nach der erwartungsvoll an- 
getretenen, aber unter Enttäuschung beschlossenen Rundschau bei den 
Völkern naturalistischer Kunstlibung zurück, um zu erkennen, dass sie 
doch noch die einzige zu ihrer Zeit gewesen ist, der man eine Selbstän- 
digkeit in den Zielen und in der Entwicklung zuerkennen darf. Den ge- 
suchten Ankntipfungspunkt für eine fruchtbare Entwicklung im modernen 
decorativen Kunstschaifen haben wir dabei leider nicht gefunden, wohl 
aber scheint uns das Ergebniss geeignet, Aufklärung darliber zu gehen, 
warum die decorativen Künste in unseren Tagen noch immer jene Selb- 
ständigkeit vermissen lassen, die wir der modernen Malerei freudig zu- 
gestehen. Culturperioden, die unter der Herrschaft naturalistischer Kunst- 
neigungen stehen, eignen sich offenbar von Vornherein schlecht fiir die 
Entfaltung decorativer Künste. Die Decoration, die die Aufgabe hat, 
leblose Materialien zu Kunstformen umzuschalfen und zugleich mensch- . 
lichen Gehrauchszwecken zu dienen, kann dabei des Stilismus, des Idea- 
lismus augenscheinlich noch immer nicht entrathen. Man kann zwar 
naturalistische Motive dabei verwenden, wie dies schon von den hollän- 
dischen Baumeistern des 17. Jahrhunderts schüchtern versucht worden 
ist, aber man muss sie doch in regelmäßige, symmetrische Formen ein- 
spannen. Selbst das impressionistisch gemalte Bild muss in einen symme- 
trischen Rahmen gefasst sein, weil es im Zimmer irgendwo aufgehängt 
oder aufgestellt werden soll. Dieses Postulat ist so eng und unlösbar mit 
dem primitivsten Kunstempünden der Menschheit verbunden, dass es 
mindestens zweifelhaft erscheint, ob man sich jemals davon wird eman-
	        

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