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Volltext: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe XII (1897 / 2)

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Ausdrucke kommen kann, und dass durch einen Titel, beigeschriebene Namen, oder con- 
ventionelle Attribute und Merkmal: dem Beschauer Hilfsmittel gegeben werden müssen. 
Es wird dann an der Hand hervorragender Meisterwerke, z. B. der Rafaelischen Stanzen, 
gezeigt, wie gänzlich unmalerische StoiTe bedeutenden Bildern als Grundlage dienen 
können, ja wie es selbst vorkommen kann, dass Werke der bildenden Kunst gar keinen 
eigentlichen Stoß" haben. zum mindesten keinen, der in Worten ausgedrückt werden kann. 
Daraus zieht nun der Vortragende den Schluss, dass die Grundlagen, die eigentlichen 
Motive der Kunstwerke keine begrifflichen Vorstellungen, sondern Sehvorstellungen sind, 
denen sich die BegriEe nur im Associationswege beigesellen, ohne auf den Charakter und 
die Bedeutung der Kunstwerke den einschneidenden Einßuss zu haben, den ihnen der 
Laie beizulegen geneigt ist, der häufig die Logik dieser optischen Elemente gar nicht 
versteht und sich nur durch den begriihichen Inhalt des Dargestellten zu Gedankenfolgen 
angeregt fühlt; der eigentliche Inhalt eines Kunstwerkes sei aber, wie in der Musik aus 
reinen Tonvorstellungen, in der bildenden Kunst aus specifiisch optischen Elementen 
zusammengesetzt, so dass dem Steife als dem begrifliichen Inhalte eine secundlre Be- 
deutung zugeschrieben werden kann, neben dem aus Linien, Farben, Formen zusammen- 
gesetzten formalen Inhalte eines Kunstwerkes, der sich mit dem begrifllichen nie voll- 
ständig, hlufig aber in ganz mangelhafter Weise deckt. 
Am I4. Januar hielt Custos Josef Folnesics einen Vortrag über nDie moderne 
Buchillustration in Englandn. Wir bringen den Inhalt dieser Vorlesung an anderer Stelle 
unserer Zeitschrift. 
Am zt. Januar sprach Hofrath Prof. Dr. Anton R. v. Kerner uber -Die architek- 
tonischen Verhältnisse der Pilanzen und ihre Beziehungen zur Landschaftsmalereic. Der 
Vortragende erläuterte zunlchst, wie das, was man in der Landschaftsmalerei den Bauin- 
schlag zu nennen püegt, d. i. der eigenthümliche landschaftliche Eindruck der verschie- 
denen Geholze, in erster Linie mit der Ausbildung und Stellung der Zweige in Zusammen- 
hang steht. Da aber die Zweige aus Knospen hervorgehen, so ist bei der wissenschaft- 
lichen Erklärung des Baumschlages vor Allem auf die Stellen Rücksicht zu nehmen, wo 
die Knospen ausgebildet werden. 
Bei den Nadelholzern erscheinen die Knospen an den Enden der Jahreitriebe zu- 
sammengedrangt. Aus einer derselben wachst im nlchsten Jahre ein Spross hervor, 
welcher die gerade Verlängerung des von ihm abgeschlossenen Triebes bildet, aus den 
anderen gehen die seitlichen, meistens in Scheinwirteln gruppirten Seitentriebe hervor. 
Wesentlich beeiniiusst wird der landschaftliche Charakter der Nadelhdlzer dadurch, dass 
bei einem Theile (z. B. den Fichten und Tannen) nur Langtriebe, bei einem anderen 
Theile (z. B. den Föhren und Zirben) nur Kurztriebe und wieder bei einem anderen 
Theile (z. B. den Larchen und Cedern) theils Langtriebe, theils Kurztriebe von demselben 
Zweige ausgehen. 
Bei den Laubhölzern entspringen die Knospen aus den Blattachseln, d. h. aus den 
Winkeln, welche die Laubblatter mit den Zweigen bilden. Da diese Laubblütter eine 
bestimmte geometrische Stellung einnehmen, so wiederholt sich diese auch an den Knospen 
und den aus den Knospen sich erhebenden Zweigen. In Beziehung auf diese Stellung 
sind zwei Falle zu unterscheiden. Erstens iener Fall, wo in einer und derselben Hohe 
zwei oder drei Laubblatter, bezw. Knospen und Zweige von einem Sprosse entspringen, 
wie z. B. bei den Ahornen und dem Oleander, und zweitens jener Fall, wo in einer und 
derselben Hohe immer nur ein Laubblatt, bezw. eine Knospe und ein Zweig von dem 
Sprosse ausgehen. In diesem zweiten Falle lassen sich die slmrntlichen Blätter, Knospen 
und Zweige durch eine um den Spross herumlaufende Schraubenlinie verbinden. Denkt 
man sich diese Schraubenlinie auf eine horizontale Flache proiicirt, so erhält man eine 
Spirale und kann an dieser Spirale den horizontalen Abstand der aufeinanderfolgenden 
Knospen erkennen. Derselbe betragt in manchen Fallen die Hälfte, in anderen Fallen ein 
Drittel und wieder in anderen Fallen zwei Fünftel des Stengelumfanges, und es ordnen sich die 
am häufigsten beobachteten Stellungen entsprechend den Zahlen a, ä, -:-, ä,  
Dass jeder dieser Stellungen ein bestimmter Verzweigungstypus entspricht, wurde von 
dem Vortragenden an vorgelegten Aestcn verschiedener Geholze erläutert. 
Eine Abweichung von diesem Verzweigungstypus erfolgt regelmaßig dann, wenn der 
betreffende Spross nicht nur Blattknospen, sondern auch Blüthenknospen entwickelt. Wo 
namlich eine Blülhe oder eine ganze Blüthengruppe gesessen hatte, wachst der Spross 
nach dem Ablösen der aus den Blüthen hervorgegangenen Früchte niemals weiter. lst 
von den drei am Ende eines Sprolses ausgebildeten Knospen die mittlere eine Blüthen- 
knospe gewesen, so erlischt dort das weitere Wachsthum. Nur die beiden seitlichen Blatt- 
knospen entwickeln sich zu beblatterten Zweigen und das Ergebniss dieser Wachsthums- 
weise ist eine wiederholt zweigabclige Verzweigung, wie sie z. B. bei dem Essigbaume 
in Frscheinung tritt. Finden sich mehrere Blüthenknospen seitlich an einem Sprosse und
	        

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