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Volltext: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe XII (1897 / 2)

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Der große Aufschwung des Illustrationswesens wäre unmöglich ge- 
wesen, wenn das photomechanische Reproductionsverfahren sich in den 
letzten 30 Jahren nicht zu so hoher Vollkommenheit entwickelt hätte, 
und es wäre unmöglich gewesen, wäre nicht jener neue Geist in die eng- 
lische Malerei eingedrungen, der, erfüllt von den Idealen der Gegenwart, 
entsprechende Ausdrucksformen für sie gefunden. 
Das photomechanische Reproductionsverfahren beherrscht die eng- 
lische Illustration fast in allen ihren Gattungen. Selten nur begegnet 
man noch dem echten, alten Holzschnitt, und zwar nur dann, wenn 
es dem Künstler darauf ankommt, dem Charakter der Blüthezeit dieser 
Kunst im 16. Jahrhundert bis in's feinste Detail nahe zu kommen. Sonst 
begrüßt der Illustrator das mechanische Verfahren als höchst willkommene 
Befreiung von einer Fessel, die ihn hinderte, sich frei und leicht in 
seiner Kunst zu bewegen. Jetzt ist er an kein Format mehr gebunden, 
denn das Reductionsverfahren liberhebt ihn der Mühe, sich oft gegen 
Neigung und Gewohnheit in einem MaBstabe auszudrücken, der ihm aus 
irgend welchem Grunde unbequem ist. Jedes Ausdrucksmittel ist ge- 
stattet, Feder, Kreide, Bleistift, Pinsel, Alles gibt die Platte oder das 
Cliche mit unübertretflicher Treue wieder. Das Original, das früher meist 
geopfert war, weil es auf den Holzstock gezeichnet wurde, geht nicht 
verloren, es kann beliebig oft wiederholt werden, die Auflage ist unbe- 
schränkt und die Kosten sind bedeutend geringer. Die absichtslos hin- 
geworfene Zeichnung, früher gewöhnlich Hilfsmittel und Vorstudie für 
größere Arbeiten, um dann im Dunkel der Mappen auf immer zu ver- 
schwinden, ist durch die Einfachheit des Reproductionsverfahrens jetzt 
sozusagen gewöhnliche Umgangssprache zwischen Künstler und Publicum 
geworden. Allgemein erfreut man sich der Unmittelbarkeit des Ausdrucks, 
die in solchen Zeichnungen liegt. Ein lebhaftes Verständniss für den 
Reiz dieses leichten, lebendigen Verkehrs zwischen dem schaffenden 
Künstler und dem genießenden Laien ist erwacht. Welche Poesie der 
Künstler in Schwarz und Weiß hineinzulegen vermag, wie viel er dem 
Beschauer in wenigen Linien suggeriren kann, was für ein Vergnügen 
es ist, mit fühlendem Auge die lebendige Natur aus epigrammatisch ab- 
gekürzter Darstellung herauszuemplinden, das hat eine Zeit, die auf allen 
Gebieten so scharf zu beobachten weiß, wie die unsere, rasch begriEen. 
Was sie aber noch vielfach verkennt, das ist der Umstand, dass Vieles, 
was ihr unter die Hände kommt, nur ein Versuch ist, eine Laune, eine 
.Probe, der Ausdruck flüchtiger Stimmungen und oft ganz unhaltbarer 
paradoxer Einfälle. Solches darf natürlich nicht allzu ernst genommen 
werden. Wäre das mühelos Entstandene nicht so leicht und einfach zu 
repruduciren gewesen, es hätte die vier Wände des Ateliers nie ver- 
lassen. Es ist nicht für die Dauer gemacht, es tritt nicht auf mit der 
Prätension und schweren Behäbigkeit von Illustrationen älteren Genres.
	        

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