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Volltext: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe XII (1897 / 4)

gewerbliche Thatigkeit und insbesondere für die Hebung des Geschmacks in so reichem 
Maße bieten, so finde Ich anzuordnen, dass eine Anstalt unter der Benennung: „Oeater- 
reichisches Museum für Kunat und Industrie" ehestens gegründet werde.u Die Erfolge 
ja die Existenzberechtigung der Museen hänge davon ab, inwieweit sie jener dreifachen 
Aufgabe genügen. Es ist; daher klar, dass Kunstgewerbemuseen mit ihrer Führung 
unterstehenden Schulen verbunden sein, dass sie praktische Thatigkeit auf wissenschaft- 
licher Grundlage entfalten müssen. Nicht Stubengelehrte, nicht der Wissenschaft abholde 
Künstler konnen auf die Dauer eine solche Bewegung in Gang halten, auch nicht soge- 
nannte Praktiker, denen die Wissenschaft ebenso fremd ist, wie das wirkliche Schaffen, 
sondern nur gelehrte, mit klarem Blicke für die Bedürfnisse der Praxis, mit feinem 
künstlerischen Verstandnisse ausgestattete Männer, die das Geschick haben, sich alle 
nbthige Unterstützung zu sichern. Museen, welche die Berührung mit der Praxis ver- 
schrnahen, verfehlen ihre Mission. Um die mehrfache Lehraufgabe der Museen ganz zu 
erfüllen, bedürfen sie aber verschiedener durchgreifender innerer Umgestaltungen. Die 
bisherige Aufstellung der Objecte nach Material und Technik ist psdagogisch nicht richtig; 
neben der bisherigen muss eine parallel laufende Gruppiruug unter culturhistnrisch-stily 
geschichtlichem Gesichtspunkte erfolgen. Man muss trachten, ganze Cultur- und Stil- 
epochen mit allern Einschlllgigen zu charakterisiren. Es müssen Interieurs geschahen, 
Facsimile-Copien herangezogen werden. Eine völlige Auftheilung der Sammlungen in 
diesem Sinne ist natürlich weder möglich noch wünschenswerth, es muss überhaupt 
Alles vermieden werden, was die Museen in einen Zustand der Erstarrung versetzen und 
ihre Bewegungsfreiheit einengen würde. Aus diesem Grunde ist die SchaEung monu- 
mentaler, jede Erweiterung behindernder Museumsbauten ein Unglück; das Ideal für 
Museumsgebaude ist eine Art Zellenbau, der jeder Ausdehnung fahig ist, wie ihn das 
Kensington-Museum darstellt. Auch die Praaentirung und Erläuterung der Sammlungs- 
gegenstande müsse in anderer Weise als hisher erfolgen, die Objecte selhst durch Ab- 
bildungen und schriftliche Erklärungen, welche ihren Zweck, die Abstammung ihrer 
Motive, ihre Technik erläutern, verständlich gemacht werden. Museen ohne Beschreibung 
der Gegenstände sind werthlos, nicht nur für das Publicum, auch für Künstler, Gelehrte 
und Sammler. Hand in Hand mit dieser bildlichen und schriftlichen wird eine umfassende 
mündliche Belehrung zu gehen haben. Leisching trat für plangemaße Organisirung von 
Führungen durch die Sammlungen und für Ausgestaltung des Vortragawesens nach Art 
der vnlksthümlichen Universitatscurse ein, wodurch nicht nur das praktische Schaffen 
wesentliche Förderung erhielte, sondern auch der einseitigen politisch- historischen und 
naturwissenschaftlichen Richtung, welche die moderne Bildung beherrscht, durch Püege 
idealer Factoren ein wirksames Gegengewicht entgegengesetzt würde, Vor Allem befür- 
wortete Redner eine gesteigerte Ausnützung der Museen überhaupt und forderte schließlich 
von den Kunstgewerbemuseen, dass sie neben der künstlerischen auch die wirthschaftliche 
Führung der Kunstindustrie in die Hand nehmen. 
Am 18. und zz. Mürz sprach Custos Dr. Julius v. Schlosser über "Venedig vor 
hundert Jahren- (gelegentlich des Centennariums des Falles der alten Republik am 
n. Mai 1797). 
Der Vortragende entwarf in der ersten Vorlesung ein Bild des historischen Mi- 
lieus Venedigs im XVIII. Jahrhundert, dessen politische Stellung als Großmacht nament- 
lich zur See, wie sein Colonialbesitz achon starke Einbußen erlitten hatten. Die letzten 
militlrischen und maritimen Actionen der Republik Süchtig atreifend, ging er dann zu 
einer gedrangten Schilderung der inneren Zustande über, von denen gewöhnlich ein ganz 
falsches Bild in der Anschauung selbst der Gebildeten lebt. In vielfachen Reformen suchte 
die Republik mit der neuen Zeit zu gehen; aber die Elemente des socialen Verfalls sind 
auch hier nicht zu verkennen, obwohl nicht der dritte Stand hier die Revolution gemacht 
hat, sondern die herrschende Claase es selbst war, der die Zügel der Regierung ent- 
Helen. Ein glänzendes Bild bietet das Gesellachaftsleben, na entlich in seinen prachtigen, 
künstlerisch inscenirten Festen; Venedig ist die internationale Fremdenstadt, in der 
sich ganz Europa Rendezvous gibt. Das englische Element tritt schon damals charak- 
teriatisch hervor. An geistigem Leben fehlt es nicht; namentlich unter den Patriziern 
ünden die Wissenschaften Pflege, die Musik behauptet ihre alte Stellung, und gerade in: 
X3. Jahrhundert entsteht tn Venedig eine nationale Litteratur, deren Träger Carlo Goldoni 
und die Brüder Gcizzi sind. 
In der zweiten Vorlesung versuchte der Vortragende eine gedrlngte Schilderung 
der bildenden Kunst Venedigs im 18. Jahrhundert, als der feinsten Blnthe dieser Cnltur, 
zu geben, die gerade in unseren Tagen zu erneuter Schltzung gelangt ist. Nach einem 
flüchtigen Blick auf das so eigenthümliche venezianische Barocco und die nicht minder 
charakteristischen Villeggiaturen des Brentacanala (namentlich Altichiero und Stri) ging 
er auf die Malerei des venezianischen Settecento über, auch diese, wie von jeher, und 
wie du einzig daaaeheade Staats- und Getellschaftagehilde Venedig: überhaupt, durchaus
	        

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