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Volltext: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe XII (1897 / 7)

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denn diese sogenannten Liebhaberkünste haben mit der ernsten, berufsmäßigen Beschaf- 
tigung des Kunsthandwerkers, deren Pflege uns vor Allem am Herzen liegt. nichts 
gemein. Aber die reiche Auswahl an Mustern - und zwar an recht brauchbaren Mustern 
der Rund- und Hohlschnitt-Technik - die das erste Heft auf to Tafeln bringt, machen 
das Werkchen ganz geeignet für den Gebrauch in der Werkstätte des Tischlers und 
Drechslers, wie nicht minder in derjenigen des Holzschnitzers, der für Mobeldecor ar- 
beitet. Und auch die betreffenden Schulwerltstätten gewerblicher Lehranstalten können 
mancherlei Nutzen aus den gebotenen Motiven ziehen. Als Vorlagen für den Zeichen- 
unterricht möchten wir die Tafeln selbst allerdings nicht verwendet sehen, da sie in 
einer zu primitiven Weise die Muster wiedergeben; und außerdem sind wir der Meinung, 
dass derartige Motive besser nach plastischen Modellen als nach Vorlagen zu zeichnen seien. 
Man sieht es der Publication an, dass die Herausgeber bemüht waren, ein recht 
billiges und handsamcs Werkchen zusammenzustellen. Und das ist ihnen auch gelungen. 
Für den Gebrauch in der Werkstätte sind die Darstellungen, trotz ihrer primitiven 
Manier, vollständig ausreichend. 
Dass die Sparsamkeit die Herausgeber genöthigt hat, auf der ersten Tafel die 
graphische Anleitung zum Gebrauche von Werkzeugen und sonstigen Arbeitsbehelfen 
zusammenzudrangen, knmmt für uns nicht in Betracht. Der Handwerker braucht eine 
derartige Anleitung nicht, die ist eben nur für den Dilettanten bestimmt. 
Das zweite Heft bringt auf fünf Großfnlio-Tafeln zunveist Anwendungen der im 
ersten Hefte gebotenen Motive. XVir hätten es geine gesehen, dass die Herausgeber sicli 
die Wiedergabe von Objecten zur Aufgabe gestellt hatten, die auch dem Handwerker 
mehr Nutzen bieten würden. Deren gibt es aber in dem Werltchen vorlauüg nur wenige. 
Die meisten Gegenstände tragen unverkennbar den Stempel ihrer Bestimmung: ifür den 
Liebhaberkünstlen. Da die Herausgeber jedoch die Sammlung fortzusetzen beab- 
sichtigen, so ist eine etwas großere Rücksichtnahme auf den Gebrauch derselben in der 
nwerkstatte- nicht ausgeschlossen. O. B. 
k 
Max Klinger. Radirungen, Zeichnungen, Bilder und Sculpturen des 
Künstlers mit drei vollständigen Folgen: Zeichnungen über das Thema 
nChristusa, Einwürfe zu einer griechisch-römischen Gedichtsammlung 
und ßEine Lieben, Rad. op. X in Nachbildungen durch Heliogravure. 
Text von Franz Hermann Meissner. München, Franz Hanfstängel, 
1897. gr. F0]. 68 Text- und 6i Vollbilder. H. 120.-. 
Klingefs Werke sind noch lange nicltt so allgemein bekannt, seine Kiinstziele so 
offenkundig, seine Schßpfungen so leicht zugänglich. wie es der Bedeutung des Meisters 
entsprechen würde. Abhandlungen und illustrirte Zeitschriften haben zwar einzelnen 
Werken weitere Verbreitung verliehen, gerade dadurch aber, dass sie meist aus größeren 
Zusammenhängen herausgerissen waren, manches schiefe, einseitige und unzutretfende 
Urtheil über Klinger hervorgerufen. Demzufolge ist im großen Ganzen das Bild seines 
künstlerischen Wesens noch unklar und verschwommen, Man begnügt sich mit ziemlich 
allgemeinen Vorstellungen. Man weiß, Max Klinger sei eine stark persönliche, eigen- 
willige Natur, ein Künstler, der auf Beifall und Anerkennung lange verzichten musste, 
dessen kleiner Anhang aber dafür mit um so großerer Begeisterung für ihn eintrat. 
Man gibt gerne zu, dass seine Compositionen individuellates Geistes- und Ciemütlisleben 
otTenbaren, bestreitet auch ihre zuweilen packende Wirkung nicht, fühlt sich aber gleich- 
wohl ivenig angezogen von einer Form, die jeder malerischen Wirkung abhold, bald 
nach realistischer, bald nach symbolistischer Richtung graritirt. - Damit ist das all- 
gemeine Empfinden, das Urtheil der Menge über den Künstler ziemlich erschöpft. Wie 
man sieht, ist es lückenhaft und ungenau genug. Die bewunderungswürdig scharfe psycho- 
logische Momentaufnahme, wie sie in seinen berühmten Cyklen vorliegt, die herbe Poesie 
seines Wesens, die auch bei den realistischen Compositionen nicht versiegt, sein eigen- 
thürnliches Sich-Versenken in die großen Daseinsprobleme, der betvunderungswürdige 
Aufbau einer Welt von Allegorien, phantastisch wild und unbarmherzig wahr, endlich die 
verheerende Glut einer Alles dahinralfenden Leidenschaft, das sind Vorzüge und Eigen- 
schaften, die nur aus dem gesammten Schaffen des Künstlers richtig erkannt und ge- 
würdigt werden können. 
Das Erscheinen eines mächtigen Foliobandes mit zahlreichen phutomecha- 
nischen Reproductionen bildete daher ein Ereigniss, das weit über den Kreis der 
engeren Klinger-Gemeinde hinaus mit Freuden begrüfit wurde. Man hegte die Hoßnung, 
nun dem Verstandnisse Klingefs entgegengeführt zu werden und sich mit kritischem 
Ernst in diese aller Schablone zuwiderhandelnde Künsilernatur versenken zu können.
	        

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