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Volltext: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe XII (1897 / 12)

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erscheinen mochte. Auch dem neuen Uebel war bald abgeholfen und nun 
präsentirte sich die Arbeit in wünschenswerther Neutralität. Unbeabsich- 
tigte Formenbildungen, wie die eben erwähnten, entstehen häutiger als 
man meinen sollte. Alles, was die Hand des Menschen schafft, kann in 
vieldeutiger Gestalt entstehen, u. zw. um so leichter, je complicirter das 
Gebilde, je ureichert- die Erfindung ist. Von dem plastischen oder gra- 
phischen Kunstwerke angefangen bis zu den krausen Formen, die der 
abergläubische Bleigießer zu Wege bringt, kommen hier alle unendlich 
vielen Zwischenstufen in Betracht. Aber auch Alles, was die Natur hervor- 
bringt, Wolken und Wogen, Felsen, Baurnschlag und Gestrüpp - Alles 
ist bevölkert von Schemen, von lebenden und von leblosen Gestalten, die 
der Phantasie ein weites Feld der Thätigkeit verschaffen; der Phantasie, 
die in diesem Falle nichts weiter ist als das Vermögen, die wahrnehm- 
baren Gestalten der Außenwelt mit den auftauchenden Erinnerungsbildern 
zu vergleichen und diese Erscheinungen auf ihre Congruenz zu prüfen. 
Dabei ist die Phantasie gar leicht zufrieden zu stellen, und mancher 
moderne Polonius würde seinem Hamlet auch ohne ein serviles Zu- 
geständniss bestätigen, dass irgend eine Wolke Aehnlichkeit mit den ver- 
schiedensten Thieren habe. 
Zu den am meisten angestaunten Scheinbildungen gehören jene, die 
ihrem Wesen nach Erzeugnissen ähnlich sind, die ausschließlichvdurch 
menschliche Thätigkeit entstehen. Wir hören oft der VerwunderungiAus- 
druck verleihen, wenn in einem gegebenen Falle die Natur etwas hervor- 
gebracht hat, was man nur der Kunst zutrauen möchte. Es können ganz 
einfache Gebilde sein, die zu der Bemerkung nöthigen: hier müssen 
Menschenhände geholfen haben, die Natur allein ist doch nicht im Stande, 
dergleichen zu schaffen. Solche Bemerkungen hören wir sogar von Jenen, 
die von der uns umgebenden, durch die Natur geschalfenen Außenwelt, 
als von der einzigen Ernährerin der schöpferischen Kraft des Menschen, 
von dem Urquell aller Kunst sprechen. Dies gibt Veranlassung zu einer 
besonderen Ueberlegung. Wie, der Mensch soll nur von der Natur lernen, 
und dennoch etwas erzeugen, was der Natur nicht zukommt? - Ferner, 
was ist es, was ihr nicht zukommen soll und kann? Mit der Bildung der 
verschiedenen Individuen und Arten, deren Existenz Selbstzweck ist, und 
die sich gegenseitig, sei es durch mörderische Gewalt, sei es durch einen 
langsamen, vernichtenden Verdrängungsprocess aus der Gegenwart schaffen, 
ist die Thätigkeit der Natur abgeschlossen, es Wäfe den", dass es SiCh 
nur um das sinnlose Walten roher Kräfte handeln sollte; Die Kunst 
schaßt Formen aller Art, auch solche, die in der Natur kein Vfirbilü 
finden; sie schalTt sie außerhalb des thätigen Organismus. Ihr kommt es 
zu, den Arbeiten, deren Ursache die. Noth ist, durch Schönheit die-Weihe 
des ldeals zu verleihen, ferner aber auch die Schönheitsprincipien, auch 
ohne durch äußere Veranlassung genöthigt 111 Sei", zur" GClÜ-"IE 111 
Jahrg 1897. 35
	        

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