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Volltext: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe XII (1897 / 12)

Es ist nun nicht nur für die allgemeine Kunde det- Ornamentik 
von größter Bedeutung, die Arten und Abarten dieser Coustructionen 
kennen zu lernen, ihre genauere Bestimmung ist auch eines der wichtigsten 
Hilfsmittel zur_ Kenntniss der Entwicklung der Kunst in den verschiedenen 
Stilperioden. Die stetige Wandlung der constructiven Elemente und der 
besonderen Art ihrer Verwendung vollzog sich in gar mannigfaltiger, 
vielfach auch die einzelnen Kunstepochen scharf charakterisirender Weise. 
Eine Geschichte der Entwicklung der Constructionsformen schließt einen 
großen und wichtigen Theil der Kunstgeschichte in sich ein. Oft ist 
nichts geeigneter, große, sich wesentlich von einander unterscheidende 
Perioden der decorativen Kunst schärfer zu charakterisiren, als eine viel- 
leicht nur um eine geringe Variante bereicherte, früher in dieser Weise 
nicht beniitzte Linienconstruction. V 
Ein von mir auch in meiner Lehrpraxis häufig citirtes Beispiel mag 
hier angedeutet werden. Dessen Wahl empfiehlt sich durch den Umstand, 
dass es auch in den, bisher in unseren Tagen gepflegten eklektischen 
Ornamentationsweisen eine augenfällige Rolle spielt; Man erinnere sich 
der mannigfaltigen, der Blüthe der Renaissance angehörigen Erzeugnisse 
der Verzierungskunst, der Arbeiten in Schmiedeeisen, der textilen Objecte, 
der Schnitzereien, der Flachornamente (der graphischen Künste oder auch 
anderer Techniken, etwa der lntarsiatur), bei denen, verschieden von 
J Ü älterer Gepflogenheit, ein gerade ge- 
gfö f IJ-f strecktes Element zwischen zwei krumm- 
ä linig verlaufenden intercalirt erscheint: 
u. dgl. 
Dieses an und für sich geringfügig erscheinende Element, vielfach 
schon in den orientalisirenden Zierformen Venedigs, dann Deutschlands 
und, offenbar davon abgeleitet, auch sonst in der abendländischen Kunst 
des 16. Jahrhunderts verwendet, erwies sich mächtig genug, auch noch 
auf die Charakteristik der Barocke intensiv einzuwirken. Untersuchen wir 
die Fälle, in denen die gemischt gebrochene Linie die "Seelen vieler 
europäischer Ornamentformen ausmacht - nach dem Vorausgeschickten 
mag über die hier diesem Ausdruck zugeschriebene Bedeutung wohl kein 
Zweifel auftauchen - so finden wir, dass ihre Herrschaft sich erst mit 
dem Auftreten des Rococo verringert, um der gekrümmt gebrochenen Linie 
' Ü als constructives Element den Vorrang zu lassen. 
Qy w Es mag auch erwähnt werden, dass die Kreu-- 
zungen der Constructionslinien, wo solche vor- 
kommen, insbesondere auch wenn sie in eine Symmetrieachse fallen, der 
größten Beachtung werth sind, da sie den langsam und stetig sich ent- 
wickelnden Gang der Ornamentik mancher langer Perioden in sprechender 
Weise aufhellen. _ 
Die Versuchung liegt nahe, Einzelheiten dieses Gebietes heraus- 
zugreifen und näher zu erörtern; doch ist der Umfang eines einzelnen
	        

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